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Weitergehen

(Kurz Prosa, 2008)

Rollsplitt knirschte unter den Schuhen, und eine Eiseskälte zog durch die dünne Stoffhose die Beine hoch. 40 Cent in der Tasche klimperten während sie immer wieder durch die Finger glitten. Der gepflasterte Weg war überdeckt mit Raureif und vereinzelt bildeten kleinere Wasseransammlungen vom Vortag filigrane Kunstwerke aus zartem Eis. Die blanken Füße in den abgewetzten Turnschuhen waren an den Hacken schon Wund und fingen nun an zu Bluten. Es ist ja nicht weit.

Wenn man das Gewicht auf die äußeren Kanten verlagerte und ein wenig auf Zehenspitzen ging, scheuerte es nicht so doll. Die Jacke wärmte zum Glück noch ganz gut, doch die Kälte kroch von unten hoch. Der Schritt wurde etwas beschleunigt um wärmer zu werden, was prompt mit einem wunden Schmerz am rechten Fuß quittiert wurde. Erst einmal bis unter die Brücke. Bis zur Brücke dann gibt’s eine kleine Pause. Kurz noch bis zur Brücke. Vier mal 10 Cent glitten einmal mehr durch die Finger in der Jackentasche. Weitergehen, bis zur Brücke ist es nicht weit.

Unter der Brücke war es windgeschützt und so fingen die Ohren an zu brennen, die Durchblutung setzte wieder ein. Ein wenig an den Ohren reiben das hilft. Das was aus der Nase lief landet mit einer knappen Armbewegung im Ansatz der gefütterten Jacke. Kein Taschentuch. Die Entlastung der vorderen Ballen gaben Erleichterung. Die Füße waren verkrampft wegen der unnatürlichen Gangart, die Kälte hatte den Rest gegeben. Eben eine Zigarette drehen. Die Hände zitterten kaum dass sie eine Minute aus der Jackentasche hervor gekommen waren. Die feucht Luft unter der Brücke wog schwer, aber hier war es windgeschützt. Der Tabak formte sich in einem zart weißen Blättchen zu einem dünnen Stängel. Verstopft mit Flusen und Tabakresten zündete das Einwegfeuerzeug nicht gleich. Der erste Zug brachte eine gewisse Befriedigung, doch die Kälte setzte schlagartig wieder ein. Weitergehen, es ist nicht mehr weit.

Der Körper erzitterte für einen kurzen Augenblick, bis tief in das Rückenmark. Wind schnitt in den Augen, und Tränen liefen die kalten Wangen herunter. Es wird mich niemand sehen. Eine knappe Armbewegung, der Stoff fühlte sich rau an, und die über das Gesicht verteilten Tränen kühlten die Haut noch weiter ab. Kurz darauf ein leichtes brennen auf den Wangen. Kein Taschentuch. Die Gangart musste wieder korrigiert werden. Das Fehlen von Strümpfen ließ die Zehenspitzen am grob vernähten Leder scheuern. Ich weine nicht. Die rechte Hand, in der die Zigarette klemmte, fing an taub zu werden. Wieder glitten 40 Cent durch die Finger der linken Hand und gaben durch die Jackentasche gedämpft ein beruhigendes Geräusch von sich. Dann wechselte die Zigarette die Hand. Weitergehen. Es wird mich schon niemand so sehen.

Unter den Achselhöhlen bildete sich Schweiß. Wieso jetzt. Die Brücke lag inzwischen ein gutes Stück zurück, der Weg trennte sich ein klein wenig von der Straße und kleinere Büsche gaben etwas Sichtschutz zu den vorbeifahrenden Autos. So tun als ob ich mir die Schuhe zubinde. Es gab noch einen letzten Zug an dem verbleibenden Stummel der Zigarette, dann verschwand er unter der Gummisohle des Turnschuhs. Ein Finger glitt an der nackten Haut des Knöchels entlang in den Schuh. Hornhaut einer Blase schob sich zurück und etwas Blut blieb am Finger. In der Hosentasche abgewischt würde es niemand sehen. Dann griff die gleiche Hand unter die Jacke um den Schweiß unter den Achselhöhlen mit dem dünnen Stoff des Sweatshirts abzuwischen. Weitergehen. Ein paar Meter noch bis zur Kreuzung. Keine Socken. Sieht niemand.

Die Stadt lag unter einer Dunstglocke des nasskalten Wetters. Der Fußweg führte nun wieder dichter an der Straße entlang. Ein Bus näherte sich leicht erkennbar durch sein charakteristisches Motorengeräusch. 40 Cent. Keine Busfahrkarte. Ich sehe scheiße aus. Der merkt sofort wenn ich Schwarz fahre. Es klimperte dumpf in der Jackentasche. Zu den vier Münzen hatten sich nun ein paar Tabakkrümel gesellt, die sich zum Teil unter die viel zu langen Fingernägel schoben. Ein Zehnnagel drückte sich wegen der verkrampften Füße in das benachbarte Fleisch. Lieber Gott, bitte. Der Bus überholte, durch die beschlagenen Fenster hatte sicherlich niemand etwas gesehen. Die Knie wurden steif. Die Füße schmerzten aber es lenkte ab von der Kälte. Den Blick nach unten auf die Beete am Rande des Weges geheftet lag die Hoffnung auf eine verlorene Geldbörse, ein Geldschein oder eine Busfahrkarte. Die Hände wurden nicht mehr richtig warm nach der Zigarette. Weitergehen, gleich über die Kreuzung, es wird mich so früh schon niemand sehen.

Es juckte, die Kopfhaut war völlig ausgetrocknet und spröde. Die langen Haare fettig. Der raue Stoff der Jacke hatte die Nase in eine rote Glut verwandelt. Durch den Kragen der Jacke konnte man das Sweatshirt hochziehen. Der gewärmte Stoff war eine Wohltat an der Oberlippe die nun ebenfalls begann durch die laufende Nase und die Kälte, wund zu werden. Den Fleck kann ja niemand sehen unter der Jacke. Die Hand roch nach Schweiß und kalter Zigarette. Ein Blick huschte über die Kreuzung und versuchte den Verkehr voraus zu ahnen um nicht an der Ampel stehen bleiben zu müssen. Erste Sonnenstrahlen verfingen sich an der Kreuzung zwischen den Häuserschluchten. Warm. Doch einen Moment stehen bleiben. Wie um die Wärme einzusaugen, weiteten sich die Nasenflügel bei jedem Atemzug. Die Kopfhaut entspannte sich und die Sonne kitzelte an der Nase. Doch der wärmende Effekt hielt nur kurz und die kalte Realität holte sich jeden Quadratmillimeter Haut zurück. Wind fegte durch die Straßen auf die Kreuzung. Weitergehen, laufen, auf Zehenspitzen über die Straße rennen. Niemand hat mich gesehen.

Die Füßen waren noch nicht gänzlich taub gefroren, die Fußsohlen klebten klamm an der Sohle. Der Brustkorb dankte die Zigarette nicht und beschwerte sich mit einem stechenden Schmerz über die kalte Luft. Irgendwo dort sitzt mein Herz. Ich weine nicht. Nicht jetzt. Die Jacke versagte ihren Dienst und der Schweiß am Sweatshirt lag kalt auf der Haut. Der Weg führte raus aus dem Schatten großer Amtsgebäude, über die Brücke eines durch die Stadt laufenden Kanals. Der Wind auf der Brücke stach in den Ohren. Abermals traten Tränen in die Augen. Mit dem Handrücken wurden sie fort gewischt. Ich will nicht weinen. Autos und Transporter ließen den Boden der Brücke in einem geschäftigen Rhythmus erbeben. Der Kopf versuchte im Kragen der Jacke Schutz zu finden. Weiter, geh weiter. Ich will nicht das mich jemand so sieht.

Der verkrampfte Gang lockerte sich als das Ziel in Sichtweite war. Nicht auffallen. Etwas langsamer, mit dem Versuch die Füßen wieder gerade aufsetzen. Keine Tränen. Zulieferer huschten durch die verschiedensten Türen des komplexen Gebäudes. Briefe, Brötchen, Sackkarren, Kisten und Container. Nur vereinzelt Kunden. Der Kopf grub sich noch einmal tiefer in die Jacke. Niemand der mich kennt. Ein Blick auf die großen Glastüren, das eigene Spiegelbild. Vier mal zehn Cent wurden von einer Faust umschlossen, weiß und hart, aus der das Blut gewichen war. Die luxuriösen Schiebetüren stoben energisch auseinander. Alles wurde bunt und hell. Ströme aus Parfüm, Musik und Worten drangen nach draußen. Ein Schwall warmer Luft aus den großen Gebläsen über den Türen durchflutete die Kleidung. Weitergehen. Nicht stehen bleiben, nicht auffallen.

Die Marmorfliesen des Einkaufscenters waren blank gebohnert, die Turnschuhe hinterließen ein hohes quietschen bei jedem Schritt. Aus einer Bäckerei vermischte sich der Geruch von Brötchen mit dem des Kaffees zu einem duftendem Frühstück. 40 Cent. Eine Werbetafel zeigte die Hausmarke, ein Pfund Bohnen für 3,99 Euro im Angebot. Geh weiter. Der Zeitungsladen neben an lockte mit einem Jackpot von 3 Millionen und Zigaretten für 3,60 Euro. Einmal gewinnen. Auf der Rolltreppe hörten die Aufmerksamkeit erregenden Geräusche der Schuhsohlen auf. Stehen bleiben. Die Rolltreppe verschaffte den strapazierten Füßen einen kurzen Moment der Entspannung. Beim verlassen der Rolltreppe hinterließ die Hand einen feuchten Abdruck auf dem Gummi der Handauflage. Weitergehen. Es ist niemand hier der mich kennt.

Im Untergeschoss kauften die ersten Kunden in einem weiteren Bäckerladen des Discounters ihr Frühstück für Unterwegs. Keiner sieht mich an. Lange Reihen leerer Einkaufswagen stehen bereit, der jeweils letzte mit einem offenen Münzfach für einen Euro. Einkaufswagen. Die warme Kaufhausluft löste alles aus den Nasennebenhöhlen heraus. Kein Taschentuch. Lächeln ein wenig hochziehen, sieht niemand. Warm und zäh ging es nach mehrmaligen Schlucken die Kehle hinunter. Die kleinen Schleusentüren des Eingangs öffnet sich schwungvoll und einladend, auf der Vorderseite weiße Pfeile auf blauem Grund. Auf der Rückseite ein weißer Balken auf rot. Die Faust umschloss noch immer die 40 Cent. Eine große Gemüsetheke bot ein Empfangskomitee frischer Herbstfarben. Die Schritte wurden nun zu einem gekünstelten Schlendern um die Schmerzen der blutig gescheuerten Hacken zu lindern. Weitergehen, es ist noch niemand hier.

Die Beine konnten sich in der Wärme wieder entspannen und auch das stechen in den Ohren verschwand. Dutzende Regalreihen blieben unbeachtet. Die bedachten Schritte lenkten zielsicher auf ein bestimmtes Warensortiment. Die Waren lagen immer an der gleichen Stelle. Die Kaufhausmusik hörte auf zu spielen und ein Sonderangebot wurde durchgesagt. Die Faust öffnete sich, wieder erklang das metallene Geräusch des Geldes in der Jackentasche. Vorsichtig in die Hocke gehend ohne dabei die Hose zu raffen, damit die wunden Fersen nicht zu sehen waren, griff die Hand entschlossen eine Packung Hartweizennudeln für 28 Cent. Das reicht für 2 Tage. Die Hand ließ wieder los. Die Packung viel mit einem Rascheln wieder in ihr Regal. Die Nase war kalt, die Lippen hatten die Flüssigkeit bemerkt. Kein Taschentuch. Tränen schossen in die Augen. Wie soll das weitergehen.

Eiernudeln, Spaghetti, Bandnudeln, dann, 19 Cent Hartweizen. Die Packung wog leicht. 180Gramm. Reicht auch. Beim verlassen der Hocke war deutlich zu spüren wie die Wunde an der Ferse sich mit dem Schuh verklebt hatte. Die aufgewärmte Jacke dünstete Tabak, Schweiß und Körpergeruch aus der zum Teil auch von der Hose stammen konnte. Die Schritte wurden nicht leichter. Der nächste Gang führte zu einer Tiefkühltruhe in der Milchprodukte vor dem Ablauf ihrer Haltbarkeit geschützt wurden. Irgendwas dazu. Es fand sich ein sechstel Stück Schmelzkäse für 20 Cent, aus einem Käserad. Die Kälte des Kühlfachs rief schmerzlich den noch anstehenden Rückweg in Erinnerung. Weitergehen, zur Kasse. Zum Glück hat mich hier niemand so gesehen.

An der Kasse, ein Kunde wie jeder andere. 1 Cent.
Weitergehen, es geht immer weiter, irgendwie.


Mit herzlichem Dank an meine liebenswerte Frau und: Mana, Merlinor, Mir, Angela, Ronneburger aus dem dsfo.de