Unsichtbar

(Prosa/Lyrik, Kurzgeschichte zum Nachdenken yt09)
Unsichtbar
Fotografie & CGI by yours-truly.de

Wir sind unsichtbar.
Es gibt viele von uns. Keiner ist wie der Andere.
Wir sind nett. Wir sind lieb.
Immer erreichbar. Für dich da.
Wir sind viele. Ihr seid mehr.

Ihr seid zahlenmäßig überlegen. Ihr seid gesellig.
Ihr seid unabkömmlich. Bei euch ist immer etwas los.
Ihr zeigt euch, ihr zeigt alles.
Man kann euch nicht übersehen, jederzeit präsent.
Ihr seid das Zentrum. Ihr seid viele. Für euch.

Die Benutzung der gemeinschaftlichen Haustür funktioniert nur in der Reihenfolge, die Sichtbaren, dann ich. In Einkaufsstraßen oder auf Fußwegen bin ich gezwungen auszuweichen. Es ist dabei unerheblich, ob ich auf der linken Seite von den Entgegenkommenden ignoriert werde oder Barrikaden von stehenden Kinderwagen und Schaufensterschnecken umlaufen muss. Wenn ich an der Kasse stehe, mit nicht mehr als einer Packung Toast und einem Stück Butter in der rechten und abgezähltem Geld in der linken Hand, lässt mich niemand vor zur Kasse. Stehe ich an der Bar und möchte bedient werden, muss ich warten bis das Personal vor Langweile den Tresen wischt und mit einem Seufzen signalisiert, dass nun auch die Unsichtbaren bedient werden, sofern ich, mit einer unterwürfigen Gesten, meine schändliche Anwesenheit signalisiere.
Im Kino füllen die Sichtbaren fünf Drittel ihres Sitzes aus. Auch Getränkehalter oder Armlehnen bleiben somit ein unerreichbarer Luxus für mich. In Schwimmbädern genügt eine Badehose zur Tarnung, auch im Chlorwasser. Sich zu schämen würde ausgeprägten Narzissmus voraussetzen. In Discotheken bin ich nicht nur unsichtbar, sondern auch immateriell. So ist es auch unerheblich, ob ich mich auf einer Tanzfläche bewege oder am Rand stehe, in jedem Falle werde ich unmissverständlich mit Ellbogen Stößen des Platzes verwiesen, oder Menschen versuchen durch mich hindurch zu laufen. Nach Hause trampen, bedeutet laufen.

Als ein Unsichtbarer werde ich zu gesellschaftlichen Anlässen eingeladen, um die Quote zu erfüllen, damit der DiscJockey nicht zu teuer ist und das Buffet sich durch Geldgeschenke amortisiert. Korrekte Namensschildchen bei der Bestuhlung sind wie ein Schuldeingeständnis, dass das Besteck fehlt. Bei falsch geschriebenem Namen ist der Tisch verkehrt und ein peinliches Stühle rücken beginnt, damit auch jeder im Saal mitbekommt, dass man sich ja gar nicht so nahe steht, und nur flüchtig kennt. Der Platz noch hinter dem Kleingärtnerverein, am Notausgang, ist einem sicher.

Wir Unsichtbaren bekommen ausschließlich Post von der GEZ, der Telekom und dem Finanzamt. Stammdaten von uns, den Unsichtbaren, korrekt zu erfassen, scheint technisch ausgeschlossen. Wir zahlen für Menschen, die anders heißen, jünger sind oder deren Geschlecht bis an ihr Lebensende in der Anrede falsch formuliert wird. Einschreiben erreichen uns nie.
Wir sind Lückenfüller für ein sichtbares, leeres Leben. Uns vertraut man Staatsgeheimnisse und Intimitäten an. Man sperrt uns nach Feierabend in Bankschalter ein oder vergisst uns am Telefon. Die Visitenkarte eines Unsichtbaren wäre die Quadratur des Kreises. Ein Anrufbeantworter ein Paradoxon.
Es gibt kein Amt für uns und keine Behörde. Für Unsichtbare ist niemand zuständig. Das Fernsehprogramm zeigt nicht unseres Gleichen. In der Politik sind wir nicht vertreten. Wir haben keine Lobby, wir sind keine Zielgruppe. Kleidung, die wir bevorzugen, ist mit Mode nicht zu vereinbaren. Die Tütensuppe die wir mögen wird jeden Monat in der Rezeptur geändert.
Unsere Meinung wird nur gefragt, um die Meinung eines Sichtbaren zu bestätigen.

In der Schule saßen wir nicht vorn. Wir saßen nicht hinten.
Unser Stuhl ist der eines Sichtbaren, der, für den Moment, vergaß Anspruch darauf zu erheben.
Wenn wir arbeiten, sind wir die Getriebestange. Verdeckt von den unzähligen Rädern, die, im Gegensatz zu uns, Produktivität sichtbar werden lassen.

Wir sagen nichts, wenn wir reden, wir verhindern nur peinliche Moment des Schweigens für Sichtbare.
Wenn wir zuhören, dann verstehen wir nichts, wir haben Verständnis zu haben.
Wenn wir sehen, dann sehen wir,
Sichtbare und Unsichtbare.

[ ],
yours truly

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