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Elektro Mobil

(Prosa, Zeitgeist, Kurzgeschichte 2011)
 
  •  „Nee, die Reichweite is ja nicht sehr groß. Vielleicht wenn das besser wird.“
  •  „Die Akkus sind noch zu schwer. Die wiegen ja bald soviel wie ein Elefant.“
  •  „Eine nutzlose Technik. Da haben nur ganz wenige überhaupt Bedarf.“ 
  •  „Naja, schon ganz praktisch - aber geben die nicht auch so Elektrostrahlung ab?“
  •  „Wenn man die Unterwegs selbst laden könnte, ja, dann wäre man mobil.“ 
  •  „Ich hätte gern eines. Aber die sind zu teuer.“
  •  „Sowas können sich nur ein paar wichtige Typen leisten.“
  •  „Wenn du irgendwo ohne Anschluss bist, hilft dir das gar nicht.“
  •  „So eine komplizierte Technik geht doch sicher schnell auch kaputt.“
  •  „Ein Kurzschluss in der Batterie ist hoch gefährlich, oder?“
  •  „Das wird die Probleme der Menschheit auch nicht lösen.“

Mein Assistent schaltete das Tonbandgerät ab und gab mir ein Zeichen, dass die Batterien zu Neige gingen. Also verabschiedete ich mich freundlich von einem hageren Mittdreißiger, in BlueJeans, den ich als letzte befragt hatte. Ich sah ihm noch einen Moment nach. Noch bevor er in einem der U-Bahn Zugänge verschwand, hatte ich ihn in den Menschenmassen aus den Augen verloren. An sein Gesicht konnte ich mich schon nicht mehr erinnern. 
Dicht bepackt mit Tüten und Taschen strömten Touristen wie Einheimische in das unterirdische Verkehrsnetz dieser Metropole. Wir hatten Glück gehabt. Das Wetter war fantastisch. Viele Menschen hatten sich den Moment Zeit genommen um meine Fragen zur modernen Technik zu beantworten und so hatten wir viele interessante Meinungen gesammelt um eine Reportage, mit den Stimmen aus der Bevölkerung, zu bereichern. Mein Assistent half mir das klobige Mikrofon, von seinem Windfang zu befreien, um es in die dafür vorgesehene Ledertasche zu verstauen. Eine öffentliche Uhr bestätigte mir die Zeit. Kurz nach Ladenschluss.
Die Interviews der Passanten, die ich hier bekommen hatte, würden kurz nach 20 Uhr im Radio ausgestrahlt. Zuvor mussten sie noch geschnitten und an-moderiert werden. Wir hatten also noch etwa eine Stunde Zeit unsere Ausrüstung zurück zu bringen und das Tonband zu schneiden. Hoffentlich war der Aufnahmeraum frei wenn ich wieder im Studio sein würde, dachte ich und bedauerte nun, dass ich keines dieser neuen tragbaren Telefone besaß, die man etwas spöttisch als Feldtelefon oder Hundeknochen bezeichnete. Doch die Realität bestätigte die Meinung meiner Mitmenschen die ich heute zu diesem Thema befragt hatte. Zu teuer, zu unpraktisch, zu wenig Sendemasten und auch die Gebühren für einen speziellen Mobilfunkvertrag hätten mein mageres Gehalt als freiberuflicher Journalist überstiegen.