Kdenlive | Videoschnitt kostenlos

Wer eine neue Videokamera kauft steht vor der Qual der Wahl.
Wer eine gekauft hat, ist seine Probleme noch nicht los. Welche Software ist für wen die richtige?

Die Wahl fiel mir persönlich nicht schwer. Denn auf Ubuntu gibt es eine kostenlose Schnittsoftware, die durchaus mit den günstigen kommerziellen Produkten mithalten kann. Vor allem aber, ist sie wirklich einfach in der Bedienung. Trotzdem benutzt sie eine Timeline, mit mehreren Spuren, wie auch teurere Produkte die in der Produktion eingesetzt werden.

Das Motiv | Ein Tierversuch
Der erste Test hatte ein sehr dankbares Motiv gefunden. Eine Familie von Kohlmeisen nistete, in einem Astloch eines alten Apfelbaumes, in unserem Garten. Dort brütete die Mutter tagelang. An einem lauschigen Sommertag traute ich mich dann mal einen Blick zu riskieren, und bemühte mich dabei den maximalen Abstand des Kamerazooms zu nutzen um die Familie nicht zu beunruhigen.

Garten Impressionen from yours truly on Vimeo.

Kohlmeisen im Apfelbaum | Erster (fehlgeschlagener) Full HD Test Kdenlive
Musik: 上座 | Kamiza (yt) - "Guten Morgen" 2009
Kamera: Panasonic HDC-SD707
Software: Kdenlive (Ubuntu)

Dieser erste Test hatte zum Ziel, einen Weg zu erarbeiten, möglich unkompliziert, kleinere Begebenheiten schnell und sauber in das Web zu übertragen. Verschiedene Programme standen zur Auswahl, wovon ich auch einige getestet habe. Im weiteren wollte ich gern den Film so klein rechnen, dass er ohne Probleme von dieser Webseite geladen werden kann. Dabei muss die Datei ordentlich klein gedampft werden, aber es sollten keine Artefakte sichtbar werden. Hier meine Erfahrungen.

Windows Demo Versionen ausprobiert:
Ulead Video Studio Pro X3 - als Testversion mit 632mb Download - Viel Gedöns was ich nicht brauch, ganz O.K.
MAGIX Video deluxe 16 Premium Sonderedition mit 259mb Download - Noch mehr Gedöns, lief nicht rund.
Sony Vegas Movie Studio Platinum 9.0 mit 102mb Download - Schlank, effizient, Windows Favorit.

Mit bei der Camera:
Vollversion von Panasonic als CD - AE HD Writer - Nicht wirklich empfehlenswert, aber brauchbar.

Open Source Vollversionen auf Ubuntu:
OpenShot - Beinahe gut, aber noch nicht stabil - sonst wäre es prima für Anfänger.
Kdenlive - Sehr gut, mit kleinen Abstrichen, aber mein Favorit.
Kino - Habe ich nicht verstanden.
Cinelerra - Furchtbares aussehen, konnte es leider nicht bedienen ohne Handbuch.

Nicht getestet:
Adobe Premiere - benötigt 64 Bit Windows 7, was ich nicht habe.

Als Basis dient ein 3,0 Ghz Dualcore von Intel. 4 Gb RAM und eine schnelle Festplatte.
Windows XP Prof. SP2 frisch installiert - in eine Sun VirtualBox.
Hostsystem: Ubuntu Lucid Lynx

Diese ungewöhnliche Umgebung für Windows ist nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen. Aufgrund dieser Kombination kann es langen Exportzeiten kommen und eine Vertonung in 5.1 ist nicht möglich, da VirtualBox noch keine 5.1 Soundkarte virtualisiert. Zum Vergleich: In der Virtualbox laufen Anwendungen wie Magix MusikMaker oder Adobe Premiere einwandfrei.

Magix - VideoMaker deluxe 16 Premium (da passt noch ein "Super Ultrakreativ V2" dahinter)
Die Installation ist recht simple, leider will man mir wieder einen Toolbar für den IE unterjubeln, und neben dem Firebird SQL wird auch noch ein MS Framework installiert. Das schon ein aktuelleres vorhanden war, interessierte die Installationsroutine nicht. Sehr viele Hobbyfilmer sind begeistert von der Magix Produktpalette, die einen auch in Sachen AVCHD nicht im Regen stehen lässt. Konsequent bietet Magix ein Fülle von Effekten, Sounds und kleinen Schmankerln. So fand ich sehr schnell einen "Bildstabilisator" im Menü, über den ich mich gern auch gefreut hätte. Aber?
Magix Video deluxe ist für Semiprofessionelle sicher ungewöhnlich in der Bedienung. Gleich zu Anfang wird man von Assistenten geführt, klickt sich einen Film zusammen. Mein erster Versuch eine knapp drei minütige Sequenz in ein mpg2 DVD kompatibles Format zu wandeln wurde abgelehnt, aus Lizensrechtlichen Gründen ist dies in der Demo Version nicht möglich. Also wählte ich ein mp4 Format, und ein Smartphone kompatibles Ausgabeformat.
Nach etwa 6 Minuten Rendering stürzte Magix Video ab. So schnell kann ein Test beendet werden. Den Bildstabilisator zu testen verschob ich auf ungewisse Zeit.

Ulead, beziehungsweise Corel - Video Studio ProX3
632 Megabyte Download, und dann beginnt die Installation damit, dieses Paket zu entpacken. Das ist Fett. Aber wer Videofilme bearbeiten will, kommt um gigantische Mengen an Festplattenspeicher ohnehin nicht herum. Etwa 6 bis 8 Minuten dauerte das Entpacken der Dateien. Danach wird noch mal fleissig installiert, was noch einmal die gleiche Zeit in Anspruch nimmt. Ich vermutete schon den Film gar nicht mehr selbst schneiden zu müssen, die fertigen Ergebnisse hoffte ich zu dem Programm dazu zu bekommen. Das war leider nicht so.
Einen Film einladen und Exportieren war müßig. Nichts für schnell mal ebend. Insgesamt machte die Software zwar einen guten Eindruck. Aber die Import und Export Formate die mich tatsächlich interessierten fand ich nicht auf Anhieb. Unbefriedigt widmete ich mich einer anderen Software.

Sony Vegas
Vegas wäre auf Windows die erste Wahl. Die günstigste Version ist vollkommen ausreichend, und ist auch für Einsteiger durchaus verständlich. Aufgeräumt ohne Schnörkel, bietet sie auch ein klein wenig Effektpulver und man kann auch mit komprimierten Videos noch arbeiten. Im Prinzip die Referenzklasse meiner Meinung, doch leider bekam ich als Output nur Videos im Interlace heraus. Auch das eingangsformat von 1920*1080p 50fps erkannte Sony Vegas nicht richtig. Eine weile kämpfte ich damit dem Program beizubringen was ich gerne wollte. Dann überließ ich Linux das Feld und nahm Kdenlive, dass zwar weniger Effekte bietet dafür aber offen ist, um dem Programm neue Formate beizubringen.
Trotzdem Applaus für ein tolles Programm: http://www.sonycreativesoftware.com/vegassoftware

OpenShot für Linux
Mein ursprünglicher Favorit, für schnell mal ebend etwas zusammenschnibbeln. Das Programm erkannte selbst das mein Material zur Bearbeitung nicht geeignet ist und wandelte es beim Import schon um.
Ein Titelgenerator lieferte gute Vorlagen und wurde sauber reingerechnet. Alle Systemfonts konnten dabei benutzt werden. Wunder darf man keine erwarten, aber um seine Szenen zu beschriften langte es alle Male.
Das Ausspielen in verschiedene Formate war Kinderleicht. Die Presets sind schon vernünftig gewählt und die Qualität ließ sich sehen. Überblendungen waren ebenso einfach wie unkompliziert erstellt. Aber, das muss man dazu sagen, alles nicht "Frame genau". Der Schwerpunkt liegt hier auf Anfänger die das Filmen als Hobby betrachten und nicht als Wissenschaft. Die Installation über den Synapticmanager dauerte keine 3 Minuten.
Leider ließ die Stabilität zu wünschen übrig. Das Benutzerinterface verlor seine Knöpfe, und das Ausspielen brach des öfteren ab. Ich verschob eine Fehlerquellen Ermittlung und wollte mir zuerst einen anderen Kandidaten vorknöpfen.

Cinelerra
Für Cinelerra werden 64 Bit empfohlen, bzw, fast schon vorrausgesetzt. Ich wagte es trotz meiner 32 Bit Installation von Ubuntu. Ich startet das Programm. Weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund. Jeder Augenarzt rät davon ab. Die Icons sehen aus, wie von einem 3 jährigen mit Buntstift auf Raufasertapete. Aber nun gut. Es soll ja nur funktionieren. Leider schaffte ich es nicht intuitiv ein Video zu importieren. Und wenn ich Software für mein Hobby nicht intuitiv, ansatzweise richtig bedienen kann, ohne Anleitung oder FAQ, kommt sie in die virtuelle Tonne. Tschüss Cinelerra...

Kdenlive
Eine Offenbarung. Insgesamt ähneln sich Sony Vegas und Kdenlive sehr. Und genauso einfach war es den obigen Film zu erstellen. Jeder der schon mal mit Wavelab, Premiere, Audacity, Musik Maker oder ähnlichen Produkten zu tun hatte, findet sich intuitiv rein.
Auch wer kein Linux hat kann Kdenlive ausprobieren, ohne dabei Windows an zu tasten: http://www.kdenlive.org/
Ubuntu Benutzer laden Kdenlive über die Synaptik Paketverwaltung und haben in einer Minute den wenige Megabyte umfassenden Schnitteditor installiert.

Wie schaut Kdenlive aus? Englisches Video dazu:
http://www.youtube.com/watch?v=1eHEAfNFJ0k&feature=fvw

Kdenlive Uebersicht
Kdenlive, aufgeräumt, übersichtlich, intuitiv bedienbar

Kdenlive hat einen tollen Workflow, aber auch kleine Tücken. Hier ein kurzer Abriss was zu beachten ist:

Update 22.09.10:
Weitere Tips und Tricks: http://yours-truly.de/node/432
Kdenlive Filme kolorieren: http://yours-truly.de/node/410

Nur für Ubuntu 10.04 ohne Media Erweiterung:
Nach der Installation in ein Ubuntu, wird man die Paketquellen erweitern müssen. Sonst können keine Videos für zB Vimeo erstellt werden. Denn es fehlt bei der Standard Installation der aac Codec.

Dies ist eine Zeile, die in die Shell *Terminalfenster* eingegeben wird.
sudo wget http://www.medibuntu.org/sources.list.d/`lsb_release -cs`.list --output-document=/etc/apt/sources.list.d/medibuntu.list && sudo apt-get -q update && sudo apt-get --yes -q --allow-unauthenticated install medibuntu-keyring && sudo apt-get -q update

Danach habe ich in der Synaptic Paketverwaltung noch aacplusenc installiert und anschliessend den Konfigurationsassistenten von Kdenlive erneut aufgerufen. Voilá - nun kann ich für Vimeo exportieren.

AVCHD - wie schnell muss ein Rechner sein.
Das Format ist derart komprimiert, dass mein Rechner die Segel streicht. Vor allem aber sind dort theoretisch unendlich viele B-Frames möglich. Im Unterschied zu i-Frames (ähnlich einem Keyframe) beinhaltet ein B Frame nicht die volle Bildinformation, kann aber auf gebaut sein aus Informationen des voran gegangenen und des nachfolgenden Bildes. Zudem ist es auch möglich, dass der letzte i-Frame in der vorhergegangenen Szene steckt. Das alles ist für einen Videoschnitt nicht sehr optimal und benötigt einen verdammt schnellen Rechner, verdammt schnellen Speicher oder besser noch, Hardwareunterstützung.

Das optimale Format
Bei Kdenlive kann man sich das Geklotze um einen Hyperspeed rechner sparen. Man importiert die Szenen von der Kamera, einfach als Dateien und Transkodiert sie in .mov Dateien. Wenn das Eingangsformat von Kdenlive nicht sofort erkannt wird, hilft bei Linux Avidemux, traGtor oder ffmpeg. Rechtsklick auf die Datei im Fenster "Projektinhalte" und dort den Menuepunkt Transkodieren auswählen. Die geringste Bitrate lieferte für meine Zwecke hervorragende Ergebnisse.
Dabei verbrauchen sie zwar mehr Speicherplatz auf der Festplatte, sind aber besser zu bearbeiten.
Bei einer Auflösung von 1920*1080, bei 50 Bildern pro Sekunde, sollte man nicht glauben mit einem 600 Euro Computer glücklich das Rohmaterial bearbeiten zu können. Auch wenn die kleine Kamera das schafft, ein "normaler" Spielecomputer ist damit überfordert.

Abstürze bei Kdenlive
Das Programm ist für den KDE Desktop geschrieben. Da ich aber Gnome verwende, mag er einige DragNDrop Funktionen nicht sonderlich. Am besten man gewöhnt sich gleich ab, Filme von dem Fenster "Projektinhalt" in die Timeline zu werfen. Und noch besser, man gewöhnt sich an, regelmäßig selbst zwischen zu speichern.
Wenn man dann den Bogen raus hat, wann das Programm abstürzt, merkt man, dass es, abgesehen von den Ausnahmen, sicher und schnell zu bedienen ist.

Titelgenerator
Hierzu später mehr.... bis auf - funktioniert und arbeitet sauber. Schriften einblenden ist sehr einfach.

Titelgenerator
Kdenlive, wenns komplizierter wird im Titel, hilft Inkspace weiter.

Kleines Tutorial: Colorize in Kdenlive, wie man einem Clip Farbe verpasst: http://yours-truly.de/node/410

FIN
yours truly

Kommentare

Hi,
mit dem Thema "Film Schneiden" wollte ich mich auch mal auseinandersetzen, dank Dir habe ich schon mal ein Testprogramm mit dem ich spielen werden.
Deine Aufnahmen mit der Cam sind übrigens sehr schön geworden, die Musik passt gut dazu. :)

Weiterhin viel Spaß und Experimentierfreude,

der Moki

... ich kanns nur wiederholen, Sony Vegas auf Windows, oder Kdenlive auf Linux sind die Favoriten für den Hausgebrauch.

Kleine Tips am Rande:
Eine zweite oder dritte Festplatte auf der nur Videoschnitt gemacht wird, ist empfehlenswert. Auf der Systempartition herumzurödeln halte ich für keine gute Idee. Die Geschwindigkeit des Workflows würde darunter auch sehr leiden. Wer es sich leisten kann investiert hier vielleicht gleich in eine SSD (Solid State Disk).

Vom Groben zum Feinen, von klein zu groß.
Wer große Projekte plant, fängt besser klein an. Entweder, man wandelt das Originalformat in eine kleinere Auflösung um bei "Probeberechnungen" schneller die Ergebnisse kontrollieren zu können.
Oder beschränkt sich dabei immer nur kleine Happen zu bearbeiten und fängt an in Kapiteln zu denken.

Beide Softwarepakete haben eine direkte Anbindung an ein DVD Authoring Programm, bei dem es möglich ist, aus den fertigen Szenen, anwählbare Kapitel zu machen, ein DVD Menu zu erstellen und zu Brennen.

Dabei bitte nicht erschrecken. DVDs haben tatsächlich eine so lausige Qualität im Vergleich zum Full HD Material, das nur auf BlueRay Playern flüssig laufen würde.

Herzlichen Gruß - Moki,
yours truly

toller Bericht...
Danke dafür!

(homepage: www (dot) ralf-becker-web (dot) de)

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