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Abgeschlossener Auszug, Kurzgeschichte

Kapitel 1.

Die Frage nach dem Warum schien schon in weite Ferne gerückt. Es wurden keine Schmerzen zugefügt. Es gab nur diesen einen Stuhl. Rund herum kahle Wände. Es antwortete auch niemand. Es wurden nur wieder und wieder die gleichen Fragen gestellt. Sah man Marian jetzt an?

Ohne die Antwort darauf zu kennen, begann Marian zu sprechen: “Es war Anfangs nur ein Gedanke, wie ein junges Küken wenn es das erste Mal an die Schale pickt. Es ist jung, unschuldig, nicht einmal geboren und doch hat es einen Schnabel. Es pocht gegen die Schale, ohne zu wissen ob dort draußen Gefahren lauern. Es liegt im Warmen, Geborgenen, pocht gegen die Schale, mit seinem kleinen Schnabel und erkämpft sich seine Freiheit.“. Marian hielt einen Moment inne, und wandte die Augen nach oben in das kalte weiße Licht. Es erreichte nur die Netzhaut, doch Marians Gedanken sahen eine eigene Welt. „Dieser Gedanke wurde mit der Zeit wie ein Dolch, der auf mein Herz gerichtet, mir die Luft zum Atmen nahm. Würde die Schale brechen, war auch ich in Gefahr. Diese Schale, war das einzige was mich schützte. Ich wusste nicht wie zerbrechlich diese Schale sein könnte, ich wusste so wenig“, und die Pupillen verengten sich um Schutz zu bieten vor dem Licht. Feine Adern zeichneten sich auf den Handrücken ab, wie um zu zeigen, dass Blut in ihnen floss. „Ich wollte nicht ausbrechen. Ich wollte meinen Schutz nicht zerstören. Kann ein Küken wissen dass die Schale bricht? Kann ein Küken die Kraft seines noch weichen Schnabels ermessen bei dem Versuch Kontakt mit der Außenwelt herzustellen um...“, „Würden Sie uns bitte erklären was die Außenwelt ist.“, wurde Marian mit einem unbetont kurzen Satz unterbrochen. Es war nicht eindeutig zu bestimmen, von woher die Stimme kam. Marian schien durch diese Unterbrechung den Faden verloren zu haben. „Die Außenwelt“, sprach Marian nun leise: „ist das äußere, etwas das ein Küken nicht sehen, nicht spüren kann. Etwas das -“, doch wieder wurde Marian unterbrochen: „Würden Sie uns bitte erklären was die Außenwelt ist. So wie Sie das Wort in dem Kontext, * bei dem Versuch Kontakt mit der Außenwelt herzustellen * , verwendet haben.“ Die Worte waren trotz der Wiederholung, ohne die Spur einer Betonung gesprochen.

Marian zögerte und dann kam die Angst. Vermutlich wurde jedes Zögern als eine Lüge bewertet. Die nackten Füße verkrampften leicht, fast unmerklich für einen Moment, wie ein Zeichen der Nervosität. Umgeben von steinernen Wänden schien es nichts in diesem schattenlosen Licht zu geben, dass im Verborgenen blieb. Diese kurze Anspannung, dieses kurze Überlegen, so fürchtete Marian, würde implizieren, dass es etwas zu verbergen gab. Marian versuchte sich wieder zu entspannen, wohl wissend, dass es weiter gehen musste, damit die Stille nicht wieder einsetzte: „Es klopft und die Eltern klopfen zurück, es ist ja dort drinnen. Und weiß noch gar...“, Marian stockte. Dieses mal jedoch gab es keine äußere Unterbrechung. Die Pupillen weiteten sich wie auf der Suche nach einer Verbindung. Irgendetwas in dem Raum. „Wie naiv ich doch all die Zeit war“ sagte Marian bitter. „Geborgen, behütet, versorgt. Ausbildung, Freundschaft, Familie, Tradition.“. Verbitterung zeichnete sich ab. Jetzt spürte Marian wieder, wie hart der Stuhl war. Die Hände an die Lehnen und die Füße an den Stuhlbeinen fixiert, hatte Marian die Zeit über schon nicht mehr gespürt, dass dieser Körper lebte. Doch nun spürte Marian es wieder in sich, die Wut, den Schmerz, Einsamkeit, Hilflosigkeit, alle Empfindungen die Leben bedeuteten. Marian lebte. „Ihr seid es“, stieß Marian hervor. „Ihr seid es, ihr habt alles weiß gestrichen, ihr habt es in Watte gepackt, ihr habt es warm gehalten. Ihr seid es gewesen.“, Spuren von Tränen bildeten sich, die Hände zu Fäusten geballt. Marian spürte kein Kleidung an sich, doch es war nicht möglich an sich herab zu blicken. Eine starre Halskrause ließ nicht mehr zu als den Blick auf kahle Wände. Kein Spiegel, nicht einmal das Loch eines Nagels in der Wand. Einfacher rauer Stein. Marian spürte nur die Fixierungen, den Steinfußboden, den harten Stuhl und etwas auf der Haut des rechten Armes. „Ihr seid es immer gewesen.“, brach es aus Marian heraus, mit einem Tonfall der Anzeichen von Resignation trug. Klagen halfen nicht. Nur die Wahrheit, wie Die es nannten. Die, wollten nur eine Wahrheit. Eine zufriedenstellende, greifbare Wahrheit. Eine Wahrheit die bewertet, gemaßregelt und kontrolliert werden konnte. „Es war ein Gedanke, eine Idee. Ich bin ein Mensch!“, stieß Marian hervor. Es folgte wieder Stille. Marian sah die kahlen Wände, und hätte zu gern etwas gesehen, dass einen Sinn ergab. Einen Riss in der Wand, über den man sich Gedanken machen könnte. Etwas das Halt bot. Der Moment war verloren. Marian kannte diese Stille. Es konnte Ewigkeiten bis zur nächsten Frage sein, oder auch nur ein Augenblick. Es würde keine richtige und keine falsche Antwort geben. Nichts, dass helfen würde diesem Alptraum zu entfliehen. Kein Luftzug war zu spüren, kein Geräusch zu hören. Nur Gedanken, die blieben. Marian spürte keinen Hunger, doch die Zeit verstrich. Erinnerungen tauchten auf, wie Luftblasen aus einem stillen See, wurden kurz vor der Oberfläche klar umrissen und deutlich, platzen auf und hinterließen seichte Kreise die schnell verblassten. Die Fesseln ließen sich nicht bewegen, und auch der Stuhl war scheinbar so massiv, wie die Wände. Es gab keine Hilfe. Marian hatte einmal geschrien, doch jetzt nicht mehr. Wenn Marian schrie konnte man nicht hören wie Die in den Raum traten und Marian einen Knebel in den Mund steckten. Dann wurde das Licht abgeschaltet, bis Marian Ruhe gab. Die Zeit wurde immer diffuser. Ohne Tageszyklus verlor Marian sich immer öfter in Tagträume, die Kraft gaben und doch schmerzten. Erinnerungen an Kochen, Spaziergänge, einen Himmel und andere Banalitäten des Alltags wurden immer mehr zu einem Anker in einer unbeschreiblichen Leere dieser Zelle.

„Marian, Sie könnten bald wieder frei sein. Wir möchten von Ihnen nur eine Antwort.“, Marian zuckte unwillkürlich und stieß auf. War es das dreißigste, fünfzigste oder hundertste mal, dass dieser Satz gesprochen wurde? Und wie in Lethargie, konnte Marian die folgenden Worte schon mitsprechen. „Warum haben Sie Kontakt zu anders denkenden Personen außerhalb unserer Gemeinschaft gesucht.“

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