Sonderbehandlung

Sonderbehandlung

- Realsatire 2010, yours-truly.de -
Nach einer wahren Begebenheit und keine der Personen sind frei erfunden.

Warteraum einer Zahnarztpraxis
Kittel [routiniert]: Sie sind dran. Wollen Sie dann bitte in das Behandlungszimmer.
Nummer [lakonisch]: Nein.
Kittel [verwundert]: Wie nein?
Nummer [resignierend]: Von wollen kann gar keine Rede sein, aber ich muss ja wohl.
Kittel [automatisch]: Dann legen sie sich mal hin.
Nummer [fragend]: Muss das sein?
Kittel [flapsig]: Wie soll ich Ihnen sonst in den Mund gucken?
Nummer [konsequent]: Ich mach ihn auf, und sie gucken hinein.
Kittel [genervt]: Das geht so nicht, sie müssen sich hinlegen.
Nummer [trocken]: Ich muss gar nichts, ich kann auch wieder gehen.
Kittel [angespannt]: Aber sie wollen doch behandelt werden?
Nummer [eindringlich]: Ja, aber nicht wie ein Stück Rindfleisch auf der Theke.
Kittel [seufzend]: Dann setzen sie sich wenigstens dort hin, da ist das Licht dann besser.
Nummer [erleichtert]: Ja, das ist doch in Ordnung.
Kittel [aufatmend]: Na bitte, so dann wollen wir mal gucken.

Nummer [stutzig]: Wozu brauchen Sie den Haken?
Kittel [erzieherisch]: Das ist kein Haken, das ist eine Sonde.
Nummer [anklagend]: Sie brauchen mich nicht belehren, nur behandeln. Sie wissen genau was ich meine. Wozu jetzt dieser Haken?
Kittel [konfus]: Das ist eine Sonde und die brauch ich zum Gucken.
Nummer [widerspenstig]: Gucken tut man mit den Augen, nicht mit irgendeinem spitzen Haken.
Kittel [zickig]: Ohne Sonde kann ich nicht sehen wo Sie Karies haben.
Nummer [stur]: Ich habe keinen Karies. Mir ist ein Zahn abgebrochen, das habe ich Ihnen doch schon gesagt.
Kittel [ungehalten]: Warum wehren Sie sich so gegen die Behandlung?
Nummer [verteidigend]: Wieso wollen Sie mir unbedingt weh tun?
Kittel [beharrlich]: Das geht nun mal nicht ohne Schmerzen.
Nummer [trotzig]: Warum bin ich dann hier? Ich wollte keine Schmerzen haben, und schon gar keine Angst davor, dass sie mir Schmerzen zufügen. Deswegen hab ich doch Ihre Praxis aufgesucht, weil Sie spezialisiert sind, auf Angst und Panikpatienten.
Kittel [einlenkend]: Ich will ihnen ja nicht weh tun, aber wie soll ich sonst arbeiten.
Nummer [vernünftig]: Sie können doch erst einmal gucken, mit den Augen und dann sagen, was sie tun wollen.
Kittel [ungeduldig]: Dann machen sie mal den Mund auf und ich gucke.
Nummer [misstrauisch]: Ok.

Kittel [gedankenlos]: Fein. Da unten links ist einer abgebrochen?
Nummer [perplex]: Ja klar, das sehen Sie doch.
Kittel [unbeherrscht]: Jetzt lassen Sie den Mund auf sonst kann ich nichts sehen.
Nummer [brüskiert]: Dann fragen Sie nicht. Wie soll ich Antworten ohne den Mund zu bewegen, oder sind sie Telepathin?
Kittel [frustriert]: Nein, aber wenn Sie den Mund bewegen sehe ich nichts mehr. Haben Sie denn schmerzen? Wir machen mal ein Kältetest.
Nummer [ängstlich]: Was ist das denn? Tut das weh?
Kittel [gedankenverloren]: Kommt darauf an.
Nummer [abweisend]: Was heißt das? Kommt darauf an, wenn sie mir weh tun wollen vergessen sie es.
Kittel [kaltschnäuzig]: Das ist doch nur Luft.
Nummer [besorgt]: Was für Luft?
Kittel [wortkarg]: Kalte Luft.
Nummer [erstaunt]: Ja wie, kalte Luft? Kalte Luft haben wir auch draußen und es schneit dazu, weswegen geh ich da zum Zahnarzt?
Kittel [herablassend]: Wir pusten kalte Luft an die Zähne und Sie sagen, ob es weh tut.
Nummer [erklärend]: Ich kann Eis essen oder heiße Suppe löffeln, ich habe nie Schmerzen wegen kaltem oder heißem gehabt, auch an dem abgebrochenen Zahn nicht.
Kittel [reserviert]: Sie sollen ja auch nur sagen ob sie etwas spüren, ob der Nerv noch funktioniert.
Nummer [prüfend]: Ob ich die kalte Luft am Zahn spüre?
Kittel [distanziert]: Ja genau.
Nummer [taktvoll]: Sagen sie das doch gleich, ich hab doch keine Ahnung was sie tun wollen. Können Sie das nicht am gesunden Zahn erst testen, dann muss ich keine Angst vor Schmerzen haben.

Kittel [zurückhaltend]: Ok, ich teste es erst am gesunden, dann an dem abgebrochenen. Nun machen Sie mal den Mund wieder auf, ein wenig nach oben gucken. Das ist jetzt nur kalte Luft, ein wenig Pusten. Spüren sie schon was? Hallo, haben Sie was gespürt?
Nummer [rechtfertigend]: Nein, aber ich dachte wenn ich rede, meckern Sie wieder weil ich den Mund nicht auflasse.
Kittel [gleichgültig]: Sie haben nichts gespürt, kein Schmerz, das ist gut.
Nummer [hinnehmend]: Nein. Nur Luft im Mund.
Kittel [forschend]: Ok, dann puste ich jetzt gegen den abgebrochenen Zahn. Mund noch mal auf, ja. Und spüren sie etwas?
Nummer [teilnahmelos]: Nein, auch nicht.
Kittel [hastig]: Dann nehm' ich jetzt mal Kälte Spray.
Nummer [erschreckt]: Was ist das?
Kittel [forsch]: Kälte Spray, damit kühle ich den Zahn und sie sagen ob sie etwas spüren.
Nummer [gereizt]: Und das wollen Sie mir in den Mund sprühen?
Kittel [energisch]: Nein, das kommt auf ein Wattestäbchen, das halte ich dann an Ihren Zahn.
Nummer [missmutig]: Warum sagen sie das nicht gleich so, dann hätte ich keine Angst davor.
Kittel [launisch]: Wollen wir das nun machen oder nicht?
Nummer [reizbar]: Also soll ich den Mund wieder aufmachen?
Kittel [leidig]: Ja bitte. Haben Sie das nun gespürt?
Nummer [müde]: Nein. Nur an der Zunge.
Kittel [entschlossen]: Das ist schlecht, da ist der Nerv wohl tot.

Nummer [fassungslos]: Wie bitte? Wenn ich am gesunden Zahn nichts spüre ist das gut, und am kaputten Zahn auch nichts spüre ist das schlecht? Wenn ich so Autos reparieren würde, könnte ich jeden Tag neue Reifen bei Ihnen aufziehen. Keine Luft auf den Reifen, Wagen fährt, schlecht. Luft auf den Reifen, Wagen fährt, auch schlecht.
Kittel [nachdrücklich]: Ja, aber wenn Sie nichts spüren, heißt es das der Nerv tot ist.
Nummer [sarkastisch]: Dann kann ich ja wieder gehen, oder können Sie ihn zum Leben erwecken?
Kittel [selbstgefällig]: Nein, aber der muss dann raus, mit einer Wurzelbehandlung.
Nummer [frotzelnd]: Warum, lassen sie ihn doch drin, wenn er tot ist hab ich doch keine Schmerzen. Und die anderen sind ja scheinbar auch alle tot. Ich frag mich warum ich hier bin.
Kittel [wiederholend]: Wenn der Nerv tot ist muss man die Wurzel entfernen.
Nummer [forschend]: Weil?
Kittel [gedehnt]: Weil, wenn sich da Eiter oder Entzündungen bilden, spüren sie davon nichts, das kann schlimmer werden. Und es muss ja auch eine Ursache haben, das der Nerv tot ist. Am besten Röntgen wir jetzt erst einmal. Oder haben Sie da etwas gegen?
Nummer [gerädert]: Nein, mit Röntgen tun Sie mir ja nicht weh, da hab ich kein Problem mit. Fotos, Röntgen, Angucken, ... aber kommen sie mir nicht ihrem Haken.
Kittel [stichelnd]: Sonde.
Nummer [bockig]: Mir doch egal. Röntgen Sie dann mal.

Kittel [mokant]: So. Die Röntgenbilder sehen gut aus. Das ist schlecht.
Nummer [streitbar]: Ja, Ihr Auto fährt noch, das ist auch nicht gut für mein Geschäft. Was soll das jetzt heißen?
Kittel [ungerührt]: Die Wurzelkanäle sind alle in Ordnung. Da ist nichts drauf zu erkennen.
Nummer [bohrend]: Was wollen Sie mir jetzt sagen? Ist der Nerv tot oder nicht?
Kittel [spitz]: Die Nerven sehen gesund aus.
Nummer [eingeschnappt]: Ja, ich hab ja auch keine Schmerzen, mir ist ein Stück vom Zahn abgebrochen, hören sie mir eigentlich zu?
Kittel [stumpf]: Klar höre ich Ihnen zu, aber ich muss doch gucken, ob da Karies ist.
Nummer [erzürnt]: Ich hab Ihnen gesagt ich war seit 6 Jahren bei keinem Zahnarzt, hatte nie Karies. Mir ist ein Stück vom Zahn abgebrochen und das hab ich sogar mit dabei, da ist gar nichts von Karies zu sehen.
Kittel [polemisch]: Warum ist er dann abgebrochen?
Nummer [vergrätzt]: Vielleicht weil Menschen, wie ich, vor Angst die Zähne zusammenbeißen, wenn sie nur an Handwerker, wie Sie, denken, die erst alle Gerätschaften einmal ausprobieren müssen, nur um festzustellen das ein Stück Zahn abgebrochen ist. Vielleicht schleifen Sie den Zahn einfach mal glatt, damit ich mir nicht dauernd die Zunge daran aufreibe?
Kittel [desinteressiert]: Nein, das ist ja nur Pfusch, da muss eine Wurzelbehandlung gemacht werden, am besten Sie kommen nächste Woche wieder. Holen Sie sich einen Termin an der Rezeption.
Nummer [wütend]: Bitte was? Ich bin doch hier, fangen Sie doch an.
Kittel [abweisend]: Das geht jetzt nicht, ich hab noch andere Patienten.
Nummer []: Sie haben nächste Woche noch mehr Zeit für andere Patienten, denn mich behandeln sie nie wieder.

Epilog:
Ich hatte versucht diesen Beitrag regionalen und überregionalen Zeitungen anzubieten. Ich bekam teils sehr offene und ehrliche Antwort, die ich an dieser Stelle nur aus dem Gedächtnis, sinngemäß wieder gebe.
E-Mails veröffentlichen darf nur Wikileaks.

Die Geschichte würde ihren Weg in die Zeitungen nicht finden, denn es handele sich hierbei weniger um eine Satire, als vielmehr der Wiedergabe eines üblichen Abzock- Versuches in der Realität. Würde dieser Beitrag in einer Zeitung erscheinen, würde sich der Redakteur den Unmut der gesamten Ärzteschaft auf sich ziehen. Das dieser Beitrag für Ärger sorgen würde, sei so sicher wie das Amen in der Kirche.
Es sei halt so, das sich gerade diese Klientel jeden Schuh anzieht, auch wenn er nicht passt oder unbequem ist.

Ich dankte meinen Kontakten, denn es war eine ehrliche Antwort, und eine verständliche. Auch wenn es bedeutet, lästige Wahrheiten werden nicht abgedruckt.

Der einleuchtende und eigentliche Grund: Jede Zeitung freut sich auch über Ärzte die Gesundheitstips schreiben, denn diese sind ein beliebtes Umfeld für Anzeige Kunden.

Meine "Nummer" indes fand im Internet eine Webseite, einer Zahnärztin, die deutlich darauf hinwies, auf Angst und Panikpatienten spezialisiert zu sein. Vielleicht war es ein geschickter psychologischer Kniff, dass sie ihm während der Behandlung glaubhaft versicherte, sie hätte keine Ahnung von Angstpatienten und die Webseite hätte sie selbst vor vielen Jahren das letzte mal gesehen und wüsste gar nicht was darauf steht. Nichts desto trotz behandelte diese Ärztin, meinen Protagonisten mit Rücksicht, Verständnis und so freundlich, dass er sich dort gut aufgehoben fühlte.
Sein abgebrochener Zahn wurde ohne weiteres Röntgen oder einer Wurzelbehandlung, innerhalb von 20 Minuten wieder restauriert.

Mit Grüßen nach Dortmund,
yours truly

Kommentare

Herrliche Geschichte.
Danke dafür, ich habe mich köstlich amüsiert

... immer mal wieder ;)
Lieben Gruß,
yt

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