Kein Dialog

Kurzgeschichte (Prosa), yt 2010

„Wir müssen davon ausgehen, dass Personen wie diese, schwere seelische Störungen davon getragen haben.“, sagte sie und schlug ihre Beine übereinander.
Er schüttelte den Kopf und tippte sich demonstrativ an die Stirn und schaute genauer in ihr Gesicht.
Sie lehnte sich in den schweren Ledersessel zurück. Ihr Haar glänzte rotgolden. Die Augen blassgrün. Eine teure Kombination für Karrierefrauen ließ tief blicken.
Sie führte ihre Rede fort: „Sie sagten es ja bereits. Was wir in unserer Gesellschaft beobachten ist ein sehr junges Phänomen das unsere Jugend betrifft. Die Jugendlichen sind nicht im Stande, die Informationen in einen geordneten Fluss zu bekommen.“, dabei setzte sie ein mütterliches Gesicht auf, dass Verständnis zeigen sollte. Oder ihre hübschen, perlweißen Zähne.
„Was ein ausgemachter Blödsinn.“, stieß er hervor und griff nach einem Glas Wasser.

Kein Dialog
Fotografie, CGI & Retusche - yours-truly.de

„Gewalt, schulische Defizite, soziale Armut. Das sind nur die wenigen Folgen.“
„Ich zeig dir gleich soziale Armut.“, brach es aus ihm hervor. Er rollte mit den Augen, schlug die Hände vor sein Gesicht und stöhnte.
„Ebenso wie Konzentrationsschwäche, bis hin zum emotionalen Kontrollverlust.“, fügte sie noch hastig hinzu.
Er hielt es nicht mehr aus, stand auf und verließ verärgert den Raum.

„Frau Doktor. Sie haben, in ihrer Dissertation über Medienkonsum, viele Fälle untersucht und sagten, eine umfassende Studie sei gar nicht möglich, weil es nur wenige Ausnahmen gäbe?“, folgte die Frage eines Hünen mit krausem schwarzen Haar, und perfekt gebundener Krawatte. Über den eleganten Schreibtisch hinweg, wirkte seine unnachgiebige Art, wie eine konstante Anziehungskraft der man sich nur schwer widersetzen konnte.
„Lassen Sie mich das bitte kurz genauer ausführen“, stieg sie unmittelbar auf die Frage ein, als er seine Entscheidung revidierend, wieder den Raum betrat und sich auf einer bequemen Couch niederließ. Nervös spielte seine Zunge mit einem Lippenpiercing. „Ewig die gleichen Phrasen. Jetzt neu, von einer kleinen Zuckerstute“, dachte er.
Ihre Hände vollführten eine Geste die einen Kreis umschloss: „Etwa 99% aller Befragten unserer Zielgruppe, konnte von ähnlichen Symptomen Berichten. Viele davon erkannten die Symptome als solche, selbst gar nicht, sondern hielten sie für normal. Dieses Phänomen genauer zu studieren, würde voraussetzen einen weit größeren Personenkreis mit einzubeziehen was uns bislang nicht möglich war.“, endete ihre Erklärung, worauf sie sich nun mit den Händen auf die Oberschenkel stemmte, um ihre Aussage zu stützen.
Sein Blick fiel auf Ihre Brüste die durch diese Haltung hervortraten und Brustwarzen erkennen ließen.
„Ja, vielleicht weil es auch normal ist? Was ist das für eine gequirrlte Kacke. Ich bin doch kein Asi du Schlampe.“, rief er aus und stieß beinahe sein Glas Wasser um, als er sich mit wehenden Ellbogen in die Couch warf, „Jetzt hätte mich wegen dir noch fast bepisst!“
Der Hüne räusperte sich: „Entschuldigen Sie, Sie würden jetzt aber nicht soweit gehen zu sagen, das alle Jugendlichen davon betroffen sind? Sie sprachen von Ihrer Zielgruppe.“
„Ja genau“, pflichtete er erregt bei, „was hast dir da für Boons ausgesucht?“
„Unser Zielgruppe“, sie sammelte sich kurz, „wurde gemäß meinen Vorgaben, die für die Untersuchung relevant war, von einem unabhängigen Institut befragt, damit ich keinen Einfluss auf das Ergebnis nehmen konnte. Natürlich sind dies nur Stichproben von 10 000 Jugendliche gewesen, ausgenommen jene, die keinen Kontakt mit diesen Medien hatten, die eine absolut Minderheit darstellen.“
„Unabhängig ja klar, was wissen die schon.“, dachte er verärgert. Wut kochte hoch. Mit den Händen tief in seinen Haaren vergraben knetete er seine Dreadlocks.
Der Hüne erweckte nun den Eindruck als stünde er unter Zeitdruck. Er raffte ein paar wenige Papiere zusammen und richtete sich auf.
„Frau Doktor“, intonierte er, „was würden Sie Empfehlen, wie man mit dieser, man kann es ja schon beinahe als Volkskrankheit bezeichnen, also wie wir mit dieser Krankheit umgehen sollten?“
„Es müssen klare Verbote her. Wir brauchen dringend strengere Kontrollen und nur mit staatlicher Kontrolle können wir eine Normalität wieder herstellen“
Fassungslosigkeit machte sich in seinem Gesicht breit. „Die weiß doch gar nicht wovon die redet. Die hat doch noch nie erlebt was die das sagt“, spukte durch seinen Kopf. Dann sagte er laut: „Was eine Witztitte. Ich soll also krank sein. Geh mal selbst in Behandlung!“
Er grub sich tiefer in die Couch, verschränkte die Arme vor seiner Brust und blickte sie vorwurfsvoll an.
„Könnten denn Verbote solche Ausbrüche verhindern?“, fragte der Hüne, wobei er viel sagend und mit schau-spielerischem Talent, die Augenbrauen hob.
„Der Scheiss passiert doch nur weil ihr so'n Dreck labert“, entfuhr es ihm.
„Die staatliche Kontrolle ist nur einer der Punkte, zusammen mit der Wirtschaft müssen wir geeignete Mittel entwickeln, um diese auch umzusetzen“, versteifte sie ihren Standpunkt.
„Hörgeräte bräuchtet ihr, damit ihr euch mal selbst beim Hirnficken zuhören könnt“, sagte er nun leise, zu sich selbst und schaltete den Fernsehr aus. Er war wieder allein, niemand hatte ihn gehört.


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