Die Sonne

(Kurzgeschichte Prosa 2009, SciFi, v2 (updated 2016, dank an Beccy) )

Monoton schaufelte die Rolltreppe Menschen aus der unteren Etage fort. Mit jeder neuen Stufe zeigten sich ihre blanken Metallzähne. Das kleine Mädchen beobachtete genau. Menschen drängten an ihr vorbei, streiften sie, ohne ihr große Beachtung zu schenken. Ein flüchtiger Blick, ein Hindernis.
Ihre Gedanken vollzogen weitere Schleifen. Unbehagen strahlte durch ihren Körper. Angst vor dieser unbarmherzigen, willenlosen Maschine. Angst vor dem Kontrollverlust. Dem ausgeliefert sein. Angst etwas zu betreten das sie selbst nicht beherrschen konnte. Sie stellte sich vor, wie sie stürzte, in die blanken Zähne.
Das kleine Mädchen zog sich weiter in ihre Gedanken zurück. Erinnerungen zeigten ihr ein junges Mädchen, die gestürzt war und dessen Haar in den Stufen eingeklemmt unerbittlich in die Maschine gezogen wurde. Sie hörte das durchdringende Schreien. Ausdruck der Schmerzen. Der Hilflosigkeit. Die unmenschliche Kraft der Motoren. Entsetzte Gesichter. Haut und Knochen. Erstarrt vergaß sie zu blinzeln. Das Gefühl dieser Furcht lähmte sie vom Kopf aus über den Rücken bis in alle Glieder. Ihr zierlicher Körper spannte sich an und die Körpertemperatur sank.
Sie verlor die Kontrolle ohne die Treppe zu betreten. Ihre Hand strich unwillkürlich über eine gelb leuchtende Sonne, die in Brusthöhe auf ihrer Jacke gestickt war.
Sie beruhigte sich. Ihr wurde wärmer. Die Angst wich.

Die Sonne

Sie hatte genau gesehen, wie die großen Menschen die Rolltreppe betraten. Viele von Ihnen legten eine Hand auf den schwarzen Kunststoff. Es war nicht leicht zu erkennen, doch wenn sie genau hinschaute, konnte sie erkennen dass der Kunststoff sich mit der Rolltreppe in gleicher Geschwindigkeit und Richtung bewegte. Das bot den Menschen Halt.
Die Erinnerung an den schrecklichen Unfall war wie ausradiert.

Sie wollte ihre Mama wiederfinden. Sie musste dort hoch. Sie bewegte sich, Schritt für Schritt, kam der ersten Stufe immer näher. Doch diese entfernte sich auch gleich wieder. Eine neue Stufe entglitt der silbernen Abdeckung, auf der sie nun stand. Für den Bruchteil einer Sekunde, fühlte sie ein zögern, die Angst vor Verletzungen. Doch schon spürte sie Menschen hinter sich. Sie drängten zur Treppe, es gab kein zurück. Sie wagte es nicht sich umzusehen. Konzentriert auf den nächsten Schritt, stand sie im nächsten Moment schon mit beiden Füßen fest auf einer Stufe. Die Kraft der Treppe zog sie mit sich fort nach oben. Blitzschnell fasste ihre rechte Hand nach oben an den Kunststoff. Sie hielt sich fest. Einen Augenblick lang verspürte sie eine Bewegung ihres Oberkörpers, gegensätzlich zu der Rolltreppe. Dann ein Schwindelgefühl. Sie kannte es von der Schaukel auf der sie spielen durfte. Sie hielt sich gut fest und wandte den Blick wieder nach oben.

Ein älterer Herr beugte sich über sie, bemüht in ihr Gesicht zu sehen.
„Kind lass mich einmal vorbei.“, sagte er.
Sie schaute hoch, er war bärtig, wie ein Großvater. Sie sah seinen Blick und wollte antworten. Doch da wurde er mit einem mal ärgerlich und presste sie unsanft an das starre Geländer. Sie spürte wie das Glas an ihrer Jacke zuerst entlang glitt, dann jedoch immer mehr an dem Stoff zog, je fester sie an das Geländer gedrückt wurde. Ihre Hüfte wurde gegen die Fahrtrichtung gezogen. Erinnerungen schossen durch ihren Kopf. Reifenabrieb auf einer Straße. Ein Radiergummi auf Papier. Sie war wieder da. Die Angst.

Fest umschloss ihre kleine Hand die Handablage, auf der sich eine hauchzarte Silhouette ihrer Finger bildete. Ihre Knöchel traten weiß durch ihre Haut. Der ältere Herr würdigte sie keines weiteren Blickes. Mit seinen großen Füßen stapfte er die Treppe hoch. Zum Ende der Rolltreppe das in Sicht kam, schien es als würde er die Stufen der Rolltreppe platt treten. Sie wurden kleiner und verschwanden ineinander. Dann schluckte eine Metallplatte die Stufen, die ineinander verzahnt, an ein Krokodilgebiss oder Hai-zähne erinnerten. Ihr fiel ein Rasierapparat ein und ein elektrischer Haarschneider. Hinter ihr ein leichtes Beben, Geräusche sich rasch nähernder Schritte die heran eilten, die Treppe erklimmend. In ihrer Vorstellungen klebten Blut und Haarbüschel zwischen den gefräßigen Zähnen. Eine Berührung und wieder überholt jemand sie auf der linken Seite. Dies mal nur ganz leicht, aber es blieb keine Zeit mehr. Das kleine Mädchen hob seinen Fuß über ihre eigene Angstschwelle auf den festen Untergrund. Rasch gefolgt von dem zweiten. Sie löste sich von der Handablage und huschte schnell zur Seite neben einen Abfalleimer. Dann berührte sie wieder reflexartig die kleine gestickte Sonne, auf ihrer linken Brust und beruhigte sich. Die Erinnerungen verblassten.

Ihre Augen suchten in dem Gewirr aus Menschen, Reklame und Waren, nach ihrer Mutter. Wie alle anderen war sie bestimmt auch von der Rolltreppe fort getragen worden. Sie war sich ganz sicher. Warum wusste sie nicht. Doch es schien ganz natürlich, dass alle Menschen hier hoch getragen wurden. Hier oben sah es aus wie unten. Nur gab es hier Schuhe statt Hemden und Röcke statt Hosen. Die Kleiderständer versperrten die Sicht. Nur wenige Spalten ließen einen Blick auf schmale Ausschnitte zu. Niemand schien das Mädchen zu beachten. Selten schenkte ihr jemand einen flüchtigen Blick, dann schauten sie sofort wieder auf die Schuhe und Röcke. Das kleine Mädchen schaute sich um. In welche Richtung sollte sie gehen?
Das Wort „gehen“ löste in ihr eine Assoziation zu den Schuhen aus. Ohne weiteren Gedanken schritt sie langsam in eine Regal Reihe. Leder und Klebstoffgerüche kamen ihr bekannt vor. Als sie sich umdrehte, erhaschte sie aus dem Augenwinkel ein bekanntes Gesicht. Da stand ein kleines Mädchen. Es sah genauso aus wie sie selbst. Einen Augenblick später erkannte sie, es war nur ihr Spiegelbild. Die grünen Schuhe, die gelbe Sonne, ihr Gesicht. Ihre Erinnerung zeigte ihr ein Spiegelkabinett. Menschen irrten umher. Sahen sich selbst. Fanden keinen Weg, der sie an ihr Ziel führte. „Das ist der falsche Weg.“, dachte sie.

Eine ältere Frau, mit einer Gehilfe, war hinter ihr in die Regalreihe getreten und blickte sie von der Seite an.
„Du bist ja ein hübsches Mädchen. Bekommst neue Schuhe? Ja?“, fragte sie und streckte eine Hand zu ihrem Kopf aus um ihr Goldblondes Haar zu streicheln. Sie wandte sich der Dame zu und wollte gerade antworten, da zog diese ihre Hand zurück. Ihr Gesicht veränderte sich.
„Ach, ich bin zu alt. Was hab ich nur gedacht.“, sagte sie und wandte sich ab.
Das kleine Mädchen sagte nichts. Der Gesichtsausdruck der alten Dame rief unangenehme Erinnerungen in ihr wach. Oft gab es Menschen, die sie so anschauten. Bilder von Trauernden, Abschiedsszenen und Ablehnung sammelten sich zu einer Wolke unangenehmer Emotionen. Das Mädchen verstand dies noch immer nicht, aber akzeptierte es.

„Schau mal Mama, da ist eine.“, hörte sie jemanden sagen und wandte den Kopf in die Richtung aus der das Wort „Mama“ kam.
„Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere“, doch dann verstummte die Mama. Ebenso der Junge, der nun Mühe hatte den beschleunigten Schritten seiner Mutter zu folgen. Sie entfernten sich. Gleich darauf wurde sie von einem Kunden achtlos beiseite geschoben. „Entschuldigung“, entwich ihr reflexartig.
Doch der Kunde beachtete sie nicht. Langsam ging sie in die Richtung, in der sie Röcke gesehen hatte. Immer wieder blickte sie zu Erwachsenen auf, schaute in ihre Gesichter. Sie erkannte niemanden. Dutzende Frauen und eben so viele Männer sah sie zwischen den Waren. Viele von ihnen mit Kleidung oder Plastiktüten in den Händen. So schritt sie durch den Gang von Röcken zu Miederwaren und Dessous. Sie sah die Abbildungen von Frauen, in Nachthemd, mit BH und Slip. Immer wieder warf sie einen genaueren Blick links und rechts zwischen die Warenauslage, als ihr ein grauer Mantel auffiel, den sie zu erkennen glaubte. Am Ende eines schmalen Ganges, verdeckt von Körben und Dekoration konnte man ihn noch deutlich an den dicken Knöpfen der Seitentasche erkennen, doch er schien sich langsam fort zu bewegen. Sie lenkte sofort ein, beschleunigte ihre Schritte leicht und lief durch die schmale Gasse, an deren Ende ein Zipfel des Mantels noch zu sehen war. Plötzlich traf sie etwas an der Schulter, brachte sie aus ihrer Bahn und dem Gleichgewicht. Sie stürzte in die Dekoration einer Kollektion von Strumpfhosen, die auf Gipsbeine gezogen waren.
In einem Domino Effekt riss es mehrere Beine von ihrem Sockel. Ein Bein zerschlug einen Wühltisch aus Glas in dem sich Socken befanden. Die anderen Beine begruben das kleine Mädchen unter sich, begleitet von dem schrillen Schrei einer Frau.
„Hilfe! Ist dir was passiert Kleines? Ist dir was passiert!“, hörte das Mädchen die Frau.
Etwas drückte ganz merkwürdig gegen ihren Kopf. Dann zog etwas an ihrer Jacke, fasste ihre Arme und hob sie sanft an. Ein Bein fiel von ihr ab. Scherben von Gips und Glas bedeckten den Boden.
Dann hatte man sie wieder aufgerichtet. Der Druck an ihrem Kopf ließ nicht nach. Ein langer Nylonstrumpf hing ihr über der Schulter und baumelte herab.
Erinnerungen an Krankenhäuser, Blut und Operationssäle wurden wach. Sie fing an zu weinen. Um sie herum ein Chaos und viel war kaputt gegangen. Sie fürchtete sich.
Ihre Hand glitt an die Sonne, bekam aber nur den Strumpf zu fassen. Ihr wurde ganz Elend.
„Dir ist doch nichts passiert? Oder“, hörte sie die sanften Worte der Frau, „Sag doch etwas.“
Viele Schritte kamen näher. Sie konnte nicht aufhören zu weinen und schluchzte nun.
Immer mehr Bilder verwirrten sie. Menschen die Schnittwunden hatten, Verbände, ein Skalpell und immer wieder Gipsbeine und andere gebrochene Gliedmaßen. Angewidert ließ sie den Strumpf los und presste die Hände an die Ohren damit die Sirenen und die Schreie aufhörten. Die Angst ließ nicht nach.

Zwei Verkäuferinnen eilten herbei. Erschrocken blickten sie auf das Durcheinander.
„Ist Ihnen etwas passiert“, fragte eine die Kundin.
„Nicht weinen, alles wird gut. Dir ist nichts passiert“, sagte die andere zu dem kleinen Mädchen.
Sie hörte Notarztwagen Sirenen. Verletzte Menschen in Autowracks vor ihrem inneren Auge. Überall Blut und schreiende Menschen.
„Ich hab sie nicht gesehen“, sagte die Kundin atemlos und noch in heller Aufregung, „ Das war ein Unfall.“
Wolken von Begriffen wie Unfall, Tote, Verletzte, Krankenhaus kreisten in ihrem Kopf. Sie schloss die Augen, fürchtete weitere Schreie und rief nun verzweifelt: „Mama!“
„Sch... ganz ruhig. Wir helfen dir ja.“
Sie fühlte, wie man ihre Hände nahm, sanft aber bestimmt. Der Druck, ihr Kopf, etwas stimmte nicht mit ihr, das spürte sie. Noch nie hatte sie solche Angst, die Tränen wollten nicht enden.
„Keine Splitter. Nichts passiert, nur eine kleine Beule am“, doch dann verstummte die Verkäuferin.
Sie untersuchte das weinende Mädchen genauer.
„Das ist ja seltsam.“, die Hand fuhr noch einmal sanft über ihre Stirn. Sie zog ihr den Strumpf von der Schulter, und klopfte Gipsreste von ihrer Jacke..
„Schau mal.“, sagte die Frau zu ihrer Kollegin, „Alles klar?“
Ihr Kollegin nickte. Fasziniert von der Täuschung stand auch die Kundin vor dem kleinen Mädchen.
Dann kippte die Stimmung der drei Frauen in Ärger.

Die Verkäuferin nahm eine Hand des kleinen Mädchens und legte sie auf die Sonne.
„Du weißt was das ist, nicht wahr?“, sagte die Verkäuferin herrisch und zog sie, am Handgelenk fassend, mit sich.
Es war in Ordnung. Bestimmt würde sie gleich zu Mama gebracht. Sie vertraute. Der merkwürdige Druck am Kopf, der Unfall, alles war vergessen. Sie ließ sich ohne Angst die Rolltreppe hinunter bringen. Einige Menschen sahen sie an. Es waren wieder diese Blicke. Diese weniger schönen Blicke. Doch es war in Ordnung. Ganz sicher würde Mama gleich hier sein. Sie gingen durch die große Drehtür und waren im Freien.
Die Verkäuferin nahm noch einmal die Hand des kleinen Mädchens, legte sie auf die gelbe Sonne.
„Warte hier.“, sagte die Frau zu ihr, und deutete auf ein Schild. Eine lachende gelbe Sonne in einem roten Kreis, mit der Unterschrift: „Wir müssen draußen bleiben.“
Mit der Hand auf dem für "Cybernetisch-Autonome Entitäten" vorgeschriebenen Relaxations-Sensor wartete das kleine Mädchen brav, bis jemand kam, der Mama war, und sie wieder Tochter sein durfte.


Mit herzlichem Dank für Korrekturlesungen an Christina, Sabine und Mir

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