Ist nicht mein Bier

(Autobiografisches Polylemma 2008, Kurzgeschichte)

Es war an einem Samstag vor vielen Jahren, kurz vor Ladenschluss, an einem heißen Juli Tag.

Ich stand in einem Supermarkt und hatte vor, mir etwas Aufschnitt und flüssiges Brot für das Wochenende zu kaufen. Es gab einiges leckeres, der Marke „Gut und Günstig“, das meinen Ansprüchen genügte. Gerade erst hatte ich einen neuen Job in der Großstadt angenommen und so konnte ich noch keine großen Sprünge machen.
In der Getränkeabteilung angekommen, fiel mir auf dass hier Astra die Hausmarke in dieser Stadt sein musste. Gewohnte Preise für ein mir unbekanntes Bier.
Es gab auch wunderschönes irisches Bier, aber das war tatsächlich so teuer als hätte man es mit einem Taxi von der Insel hier hin Chauffiert.
Meine Entscheidung fiel also auf zwei Knollen Astra. Der Sommer war warm doch mehr als ein Bier am Abend trank ich selten allein. Der Blick in mein Portemonnaie zeigte mir Ebbe. Leider wollte es sich nicht den natürlichen Gezeiten anpassen. Doch es passte man gerade so. Das Konto sollte auch nicht ständig am Anschlag sein, also achtete ich auf meine Ausgaben.

Kuehlschrank der geschlossen wird

Mitten zwischen den Regalreihen fragte mich plötzlich eine ältere Frau: "Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?".
Sie war stets überschwänglich höflich.

Ich schaute sie an und erkannte sie sofort wieder.
Die Haare fettig, die Augen getrübt.
Das Gesicht narbig, verpickelt.
Eine dicke Jacke aus billigstem Polyster,
an einigen Stellen schaute das Futter heraus.
Die Hose seit Wochen nicht gewaschen,
fleckig, schmutzig, zerschlissen.
Die dreckigen Turnschuhe ausgelatscht, aufgerissen.
Sie sah übergewichtig aus, und ausgelaugt.
Eine hässliche Mischung die sich durch schlaffe,
blasse Haut auszeichnete.
Elendig.

War es mir peinlich? Schämte ich mich in einem Supermarkt zu sein?
Gab es niemand anderes um mich herum den sie hätte ansprechen können?

Auf jeden Fall war es kein schönes Gefühl.

"Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?", wiederholte sie, mit ruhigem bittendem Tonfall.
Zack - Sie holte mich aus meiner "Warum ich schon wieder?!"-Starre.
Warum schon wieder? Weil diese Frau mich, gerade erst, vor nicht einmal einer halben Stunde, auf dem Weg zur Apotheke, um zwei Euro, die ich ihr kurz nach der Währungsumstellung leichtfertig in die Hand drückte, erleichtert hatte.
Abweisend zu sein, war noch nie meine Art. Mit meiner hilfsbereiten, höflichen Art, jeder man die Tür zum Supermarkt aufzuhalten, Damen Vortritt auf der Rolltreppe zu gewähren und Kassierer oder Angestellte in Kaufhäusern zu begrüßen, kam ich mir in dieser Großstadt wie ein Weichei vor. Kaum in Hamburg, das Tor zur Welt, nahm mich jeder Bettler mit gekonntem Blick ins Visier und sah den Tölpel vom Land, der die Maschen und Tricks noch nicht kannte.

"Ja, natürlich dürfen sie Fragen stellen.", sagte ich leicht lakonisch, meine eigene Unsicherheit überspielend.
"Haben Sie etwas Geld für mich?", fragte sie mich, und ganz ehrlich, ich dachte, die verarscht mich nicht. Sie hatte es schlichtweg vergessen, dass sie gerade noch vor ca. 20 Minuten vor mir stand, mit den gleichen Worten. Einfach vergessen.

Etwas perplex: "Nein, ich hab ihnen gerade schon etwas gegeben.", entfuhr es mir spontan.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging sie zu dem nächsten Kunden. Ich flüchtete. Ich schob meinen Einkaufswagen mit den 5 Teilen die ich hatte, irgendwohin weg, bloß weg.

Ich wollte einfach nur fort. Vielleicht aus Scham oder Ekel, unfähig die Situation zu begreifen. Es dauerte eine Weile bis ich meinen Schock so halbwegs überwunden hatte in einem Konsumtempel von einer Bettlerin überrascht zu werden. Dann drehte ich, ohne den Einkaufswagen weiter zu befüllen, wohl noch einige Runden. Das Geld im Portemonnaie wurde bei mir auch nicht mehr, doch mir war auch gar nicht mehr nach weiteren Einkäufen.

An der leeren Kasse traf ich sie wieder.
2 Flaschen Bier aus dem Ausland, standen vor ihr auf dem Warentransportband.
"Sonst geht´s noch gut, kein Dach über´m Kopf aber das teuerste Bier trinken", hörte ich mich sagen und ein brüskiertes Lachen entfuhr meiner Kehle. Mein Temperament ging mit mir durch dachte ich noch, den Teufel im Nacken und stinksauer. Ich wollte mich am liebsten vergessen.

Ich ertappte mich bei finsteren Gedanken.
Billigbier muss ich trinken, Industrieabfall Wurst, warum gab ich überhaupt nur einen Euro davon an so eine Pennerin. Selbst froh eine Bleibe zu haben und die besaufen sich unter freien Himmel mit dem teuersten Bier in ganz Europa. Und vor meinem geistigen Auge sah ich eine Lagerfeueridylle an der Alster mit sturztrunkenen, amüsierten Obdachlosen, die sich des Lebens erfreuten. Wie sie sorgenlos lachten und sich nicht darum scherten ob flüssig oder Pulver Waschmittel, 3 oder 4 Lagen Klopapier, Margarine oder Butter, abgepackte oder Metzger Wurst. Da klingelte kein Wecker, da interessierte es nicht ob man eine Busfahrkarte hatte oder wie die Spritpreise sich entwickelten.
Ich sah in Gedanken die Dunkelheit eines geschlossenen Kühlschranks. Es war kalt um mich.

Zurück, in der Realität. Die arme Frau konnte sich schon nicht mehr an mich erinnern. Offensichtlich schockiert über diesen Angriff, klammerte sie sich an ihr Bier, und musste dabei ihr Wechselgeld in Empfang nehmen. Es bereitete ihr sichtlich Mühe alles in den zitternden Händen zu behalten.
"Ich kenne meine Rechte! Sie haben mir nichts zu sagen!", versuchte sie sich, und ihr Bier mit bebender Stimme zu verteidigen. Dann verließ sie mit hochrotem Kopf, fluchtartig, den Supermarkt.

Ich vermute ich habe mich in den nächsten Sekunden an dieser Kasse so sehr geschämt wie noch nie in meinem Leben, dass ich alles weitere in ein dunkles Vergessen hüllte. Die Kassiererin, wie weggeblasen. Was ich danach tat, ein Riss im Film. Gab es stille Zeugen andere Kunden, ich werde es wohl nie Erfahren.

Ich sah sie noch oft in dieser Straße.
Sie fragte mich noch oft dieselben Worte.
Ich klagte mich an, und ich vergaß.
Sie fragte mich, und sie vergaß.
Ich gab ihr nichts. Ich war nicht imstande zu geben.

Das letzte mal sah ich sie kurz vor meinem Auszug aus Hamburg. Sie hockte auf einem Parkplatz, gegenüber des Supermarktes, zwischen zwei großen Autos und zog sich nach getanem Geschäft die Hose wieder hoch.

Sie sah, wenn ich das so Salopp sagen darf,
Scheiße aus, dreckig und schmutzig,
wie immer, „wenn“ man sie sah,
so wie ich mich auch fühlte,
jedes mal „wenn“ ich sie sah.

Noch heute erinnere ich mich, als sei es Gestern gewesen.
Und hoffe es ist Vergangenheit.

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