Milgram Experimente | Neuauflage in Polen

Durch die Presse geht derzeit ein Nachricht aus Polen. Dort wurde das Milgram Experiment wiederholt, mit nahezu identischem Ergebnis wie noch vor 50 Jahren.

www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/milgram-experiment-fast-jeder-wuerde-auf-befehl-foltern-a-1138728.html

An dem Artikel und der implizierten Aussage stört mich so einiges. Viele Leser, die bei Spiegel Online einen Kommentar hinterließen, haben offenbar kein gutes Bild von der Menschheit und fühlen sich in ihrem negativen Weltbild bestätigt. Aber warum?

Ich lese aus dem Versuch folgende Aussage:

"Die meisten Menschen vertrauen einander. Sie vertrauen auch auf die Wissenschaft und auf Ärzte."

Warum unterminieren Artikel wie der vom Spiegel dieses Vertrauen mit einer zweifelhaften Botschaft? Vielleicht, weil man ein Experiment wie dieses auf verschiedene Weise deuten kann?

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-21251-2017-03-15.html

Warum werden nicht direkt jene naheliegenden Schlussfolgerungen gezogen, die im folgenden Experiment deutlich zu Tage traten?

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-19867-2016-02-19.html

Autorität zu vertrauen ist in unserer Gesellschaft heute noch so wichtig, wie vor 50 Jahren. Was wäre wenn niemand mehr den Anweisungen von Polizisten oder Bauarbeitern vertrauen würde?

Das einzig erschreckende daran ist, dass nach 50 Jahren einfach soziologische Zusammenhänge wie jene im Milgram Experiment, scheinbar nicht an den Schulen unterrichtet werden. Die eigentlichen kritischen Punkte, eines blinden Vertrauens in Autoritäten wie zB die eines Massenmediums und seiner Journalisten, bleiben ungenannt. Nicht jene die Stromstöße erteilen sind in meinen Augen die Schuldigen. Es sind jene, die Autorität missbrauchen, Menschen verunsichern und das soziale Miteinander, das Vertrauen untereinander, zerstören.

Ein zentraler Punkt des Experimentes, auf das niemand in der Presse näher eingeht, ist die "Freiwilligkeit". Den Probanden wird erklärt, der Teilnehmer der Stromstöße erhält würde freiwillig an dem Experiment teilnehmen. Das ist meiner Meinung ein entscheidendes Kriterium.

Wieso wird der Versuch nicht mal wiederholt, mit "angeblich" nicht freiwilligen „Probanden“ die "angeblich" Leiden müssen? Wie viele würden dann eine „angebliche“ Autorität nicht hinterfragen, die Menschen gegen ihren Willen quälen lässt? Hier in Deutschland? Wie viele würden Stromstöße an Hunden oder Koalabären erteilen? Und noch weitere Fragen drängen sich mir auf. Wie lange muss man suchen, um einen Haufen Menschen zu finden die noch nie etwas von diesen Experimenten gehört haben? Wenn die Menschen noch nie von solchen Experimenten gehört haben und das nicht reflektieren, wie hoch mag dann der Bildungsstand sein bei diesen Menschen? Wieso wurde in den letzten 50 Jahren nichts dagegen unternommen? Welche Autorität trägt dafür die Verantwortung?

Menschen können sich aber auch zur eigenen Befriedigung selbst quälen. Nicht nur auf der Arbeit oder beim Sport, auch in ihrer Freizeit ist Schmerz nicht selten ein Ventil für viele Menschen. SSC und RACK sind Begriffe aus dem BDSM. https://de.wikipedia.org/wiki/Safe,_Sane,_Consensual

Beim BDSM, kurz SM, geht es aber nicht ausschließlich um Schmerz. Vermutlich sind die wenigsten die sich zu BDSM bekennen Masochisten. Die meisten die BDSM praktizieren mögen sicherlich keine Schmerzen einstecken und auch nur wenige teilen diese gerne aus. Häufig wird BDSM praktiziert um Grenzerfahrungen zu machen. Oftmals wird nur ein Rollenspiel mit Autoritäten als aufregend empfunden. In der Regel ist BDSM jedoch nur ein Kinky Spiel und noch vieles mehr, das nichts mit Schmerz zu tun hat. Doch wenn Menschen sich freiwillig und bei klarem Verstand, einer schmerzhaften Prozedur unterziehen, dann weil sie das ausleben, was im Grundgesetz geschützt wird. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Menschen möchten ihre Grenzen kennenlernen. Sie erforschen und ermutigen sich zu Erfahrungen im Grenzbereich. Einvernehmlich, gemeinsam, in Vertrauen zueinander, miteinander.

Tattoowierungen sind schmerzhaft. Manche Massagen sind schmerzhaft. Viele Sportarten sind schmerzhaft. Boxen, Kickboxen und auch Motorsportarten können sehr schmerzhaft sein. Selbst Chilli oder ähnlich scharfes Essen kann schmerzhaft sein. Menschen lieben das. Es macht sie zu Persönlichkeiten.

Ich will niemanden ermutigen, anderen Schmerzen zuzufügen. Vor allem der „nicht einvernehmlichen Gewalt“ muss jeder klar denkende Mensch eine Absage erteilen.

Aber welche Botschaft wird in diesen Artikeln vermittelt? Und warum? Das wir kein Vertrauen mehr haben sollen?
Ich weiß nicht was die Botschaft sein soll. Ich verstehe es nicht. Ich weiß ja auch nicht alles, aber ich finde diese kurzen Artikel nicht gut, aus denen man bei weitem nicht genug lernen kann, weil sie nur einen Bruchteil der Geschichte erzählen der notwendig wäre, um Menschen zu verstehen.

Ich kann aber das Buch „Schmerzgrenze“ von Joachim Bauer wärmstens empfehlen. Dort wird das Milgram Experiment fundierter und in einem anderen Licht betrachtet. 

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