Deutschland | Wer hilft mir?

Überall in Deutschland wird diskutiert, über die Flüchtlinge, über die Asylsuchenden, über Menschen die hier in Notunterkünften untergebracht werden. Bei einem Gespräch am Tresen der örtlichen Bäckerei kamen mir dabei harsche Worte zu Ohren.

Es wurde die eine Schlagzeile aus der „BILD“ angesprochen die wohl lautete: "WIR HELFEN"

Daraufhin kam über den Tresen der lapidare Kommentar: "Ich nicht."

Gefolgt von der "dümmlich unbedachten" Begründung: "Wenn ich mal „etwas“ brauche hilft mir auch keiner."

Ich bin ein sehr kontaktfreudiger Mensch. Ein sehr hilfbereiter dazu. In der Regel fällt mir auch immer etwas (halbwegs) passendes ein, wenn ich solch einen Spruch höre, der mein Gerechtigkeitsempfinden irritiert. Doch diesmal sagte ich nichts. Der Mensch der diese Banalität von sich gab „ICH NICHT“, hatte offensichtlich selbst dringend Hilfe nötig, das wurde mir schlagartig klar. Deswegen hier mal eine kleine Hilfestellung, ein Brainstorming, zu dem Gedanken: „Wer hilft mir?“.

Ganz unabhängig von den Beweggründen, dem möglichen Profit, des Motivs aus dem Menschen helfen und hilfsbereit sind, möchte ich mal unvoreingenommenm einseitig und ausschließlich positiv, eine kleine Liste vor Augen führen, welch reiches Land, welch hilfsbereites Land, in was für einem Luxus und sozialstaat wir (noch immer) leben. Auch wenn es ganz sicher immer noch viel zu viele Freunde, Verwandte, Nachbarn, Bekannte, Fremde, Obdachlose, Kranke, Behinderte, Deutsche und Besucher gibt, die dringend Hilfe nötig hätten, sich aber nicht zu helfen wissen. Viele Menschen wissen nicht wo sie Hilfe suchen sollen. Viele Menschen haben nicht gelernt oder verlernt, sich helfen zu lassen. Aus diesem und anderen Gründen hier nur mal ein kleiner Ausschnitt wo und wie es in Deutschland Hilfe gibt. Wo, wann und wie sich Menschen hier gegenseitig helfen.

 

Vor der Geburt

Noch vor der Geburt, wird vielen Menschen geholfen überhaupt auf die Welt zu kommen.

Durch medizinische Versorgung, aber auch durch Gespräche von Psychologen oder religiösen Organisationen die sich in der Eheberatung oder Beratung bei Abtreibung für das Leben entscheiden. Auch die Wissenschaft hilft Leben zu ermöglichen, durch Medikamente oder künstliche Befruchtung.

Bei der Geburt

Krankenkassen ermöglichen Gemeinschaftsleistungen für Bürger, von Bürgern die in die Krankenkasse einzahlen. Im Prinzip ist es nicht die Krankenkasse die hilft, sondern die Gemeinschaft der zahlenden Mitglieder, die für schwächere, kranke Menschen einstehen. Es gibt Menschen die benötigen viel finanzielle Hilfe, bei Kaiserschnitt, Brutkasten oder bei noch komplizierteren Schwangerschaften, es gibt Krankenkassenmitglieder, die kaum eine Leistung in Anspruch nehmen. Eine Solidargemeinschaft die hilft. Ebenso wie Hebammen. Geld allein bringt kein Leben in die Welt. Man kann ein 100 Euro Schein neben die Mutter oder neben den Säugling legen, das wird ihm nicht helfen. Letztlich muss ein Mensch die Nabelschnur durchtrennen.

Kleinkinder

Spielplätze wachsen nicht einfach in der freien Natur. Und selbst die „freie Natur“ ist nicht immer Kindgerecht. Menschen müssen aufpassen, Kinder beschützen, Ampeln bauen, Verkehrsschilder aufstellen, Kindergärten bauen. Also helfen auch Bauarbeiter, Architekten, Landschaftsgärtner und Erfinder jeden Tag, damit Kinder in einer möglichst kindgerechten Umgebung aufwachsen.

Schulalter

Staatliche Schulen sind für uns eine Selbstverständlichkeit. In vielen Ländern dieser Erde ist die noch immer nicht der Fall. Lehrer müssen sehr hart arbeiten und oft nehmen sie Arbeit mit nach Hause. Denken über Kinder nach, versuchen zu helfen, suchen nach Lösungen auch nach ihrer Arbeitszeit. Lehrmittelhersteller, Kinderbuchautoren, Schulpsychologen, Hausmeister und viele andere Menschen sind notwendig, damit das Schulsystem funktioniert. Das kostet auch immens viel Geld. Geld, dass der Steuerzahler und damit fast jeder Bürger hergibt, um eine Gemeinschaftsleistung zu erreichen. Ein Schulsystem, ein Bildungssystem zu finanzieren, dass allen jungen aber auch heranwachsenden Menschen helfen soll. Dabei sind die Kinder und die Angestellten des Schulsystems versichert, gegen Schäden, Personenschäden und Ausfallzeiten.

Kinder dürfen sogar die Schuljahre sehr oft wiederholen, was Mehrkosten verursacht, aber von der Gemeinschaft idR aufgefangen wird.

Ausbildung

Viele Betriebe zahlen für die Ausbildungsstätten sehr viel Geld. Und auch das Berufsbegleitende Schulsystem, Berufsschulen, Abendschulen, Umschulungsmaßnahmen, all das wird häufig mit Steuergeldern finanziert. Wir alle helfen mit unseren Steuergeldern den Auszubildenden. Viele Ausbilder müssen sich fortwährend fortbilden und müssen sich immer wieder auf neue Auszubildende einlassen. Setzen sich mit ihren beruflichen Problemen auseinander und nicht selten auch mit den privaten Problemen.

Beruf

Im Beruf fühlen sich viele Menschen allein gelassen. Sie sehen sich nur als Melkkuh, als Arbeits-, Lohnsklaven. Die positiven Seiten, hier in Deutschland zu arbeiten werden häufig komplett ausgeblendet. Diese positiven Aspekte sollten idealer Weise selbstverständlich sein. Unfall Versicherungen sind Gemeinschaftsleistungen. Es gibt wohl niemanden, der soviel in eine Versicherung einzahlen kann, wie er im Schadensfall ausgezahlt bekommen kann. Krankenversicherungen sind Solidargemeinschaften, Gewerkschaften sind Menschen die sich gegenseitig unterstützen. Der Betriebsrat ist eine Hilfe für Arbeiter. Es gibt Wohlfahrtsverbände, Umschulungen, Reha Maßnahmen. Und auch die Infrastruktur die den Arbeitsweg ermöglicht, hat kein Mensch allein bewerkstelligt. Wir helfen uns gegenseitig, wenn wir Straßen, Autobahnen und öffentliche Verkehrsmittel intakt halten. Busfahrer helfen Menschen, pünktlich zur Arbeit zu kommen.

Dass all das keine Selbstverständlichkeit ist, fällt immer erst dann auf, wenn etwas nicht funktioniert. Oder zum Beispiel bestreikt wird.

Selbst die Müllabfuhr ist ein Job, der Verantwortung und Hilfe für den Bürger bedeutet.

Rente

Viele Menschen befürchten, dass sie weniger Rente ausgezahlt bekommen werden, als sie zu Lebzeiten in die Rentenkasse eingezahlt haben. Diese Sorge ist nicht unberechtigt, doch gibt es daneben sehr viele Menschen die mehr Rentengeld bekommen, als sie je eingezahlt haben. Das ist eine Sozialgemeinschaft in Deutschland. Bürger helfen alten Menschen, meist schon aus Respekt und Höflichkeit. Einige Menschen helfen älteren, kranken oder Menschen mit Handicap aus beruflicher Motivation, aus Profitstreben. Gebäude und Fahrzeuge werden an die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst. Treppen, Zuwege, Infrastruktur. Sehr viel Geld wird ausgegeben, damit Menschen im hohen Alter ihre Mobilität, ihr Leben nicht einschränken müssen. Das alles wird nur durch eine Gemeinschaft ermöglicht. Ein Mensch allein kann das nicht. Pflegeberufe sind nur ein kleiner Teil, der "Zweckgemeinschaft". Auch Elektronik, Technik, Prothesen und Medizin schaffen täglich neue Ideen, neue Produkte, neue Hilfen.

Wer hilft dir?

Ich glaube ich habe nun klar gemacht, vieles von dem, was wir heute als Selbstverständlichkeit hin nehmen, ist nur möglich geworden, durch den Einsatz, durch die Hände-Arbeit vieler Menschen, die nicht bloß nur Überleben wollten, die nicht einfach nur stumpf, jeden Tag irgendeine sinnlose Arbeit verrichteten. Es sind die Taten und die Ideen von Menschen, die sich für andere, für ein Miteinander einsetzen. Für Menschen die das Prinzip einer Solidargemeinschaft erkennen, in eine Krankenkasse einzahlen, in eine Brandschutzversicherung einzahlen, eine Haftpflichtversicherung abschließen, in eine Rentenkasse Beiträge entrichten, in einer Gewerkschaft sich organisieren, für die freiwillige Feuerwehr bereit stehen oder wie auch immer, nicht nur sich selbst, sondern zusammen etwas erschaffen, dass im Bedarfsfall hilft.

Wir sind unser gesamtes Leben auf Hilfe angewiesen. Wir bekommen jeden Tag soviel Hilfe aus der Wissenschaft, der Forschung, der Technik, von Ingenieuren und Ärzten, - doch viele Menschen sehen diese Hilfe schon nicht mehr.

Ich bitte jeden meiner Mitmenschen, macht die Augen auf. Seid dankbar. Sagt doch mal Danke, den Menschen die den Müll entsorgen, die Post bringen und abholen, die Brötchen morgens Backen, die Straßen teeren, die Häuser bauen, die Statik berechnen, den Herzschrittmacher einsetzen, den Pflegedienst leisten, die Steuerabrechnung kontrollieren damit Steuergelder neue Straßenlaternen ermöglichen, den Lehrern dass sie den jungen Menschen den Start in das Berufsleben ermöglichen und all den anderen, die etwas erschufen oder jeden Tag aufs neue erschaffen, das wir nutzen können. Es funktioniert so vieles, so gut in unserem Leben. Wir sollten uns freuen, uns gemeinsam auf die Schulter klopfen. Unseren Eltern und Großeltern Respekt aussprechen, für das, was sie geschaffen haben.

Natürlich soll niemand seine Augen vor den Missständen verschließen und es wäre quatsch vor jedem Menschen, wegen jedem Handschlag einen Kniefall zu machen. Doch niemand der hier in Deutschland aufgewachsen ist, niemand der hier längere Zeit gelebt hat, kann ernsthaft behaupten, hier keine Hilfe zu bekommen. Das ist völliger BLÖDsinn.

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