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Rauchen an der frischen Luft ist gesund

Eine kleine Anekdote, in Erinnerung an einen großen Mann.

Mein Großvater mütterlicher Seite, pflegte zu sagen: »Rauchen an der frischen Luft ist gesund.«

Ich denke, aus seiner Sicht waren diese Worte zweifelos richtig. Für jeden anderen Menschen mögen sie ein wenig absurd oder paradox erscheinen, ohne die Erfahrung seiner Generation. Mein Großvater war Bergmann, später Steiger und hatte somit die Verantwortung für seine Kumpel unter Tage. Im Krieg, so hörte ich, war er auf einem deutschen U-Boot im Dienst und geriet dann kurz vor Kriegsende in Gefangenschaft. Ich weiß nicht wie er darüber dachte, ich denke das Schicksal hatte es wohl gut mit ihm gemeint. Er blieb uns Enkelkinder als lieber Opa noch lange Jahre erhalten und so behielten wir ihn als guten Menschen in Erinnerung.

Als Kind und Jugendlicher ist man viel zu sehr damit beschäftigt die Welt zu entdecken. Vor allem sich selbst, Körperfunktionen und deren Möglichkeiten. So auch das Rauchen. Viele Raucher die ich kennenlernte waren gesellige Menschen und gaben gerne. Nur selten wurde einem eine Zigarette verwehrt, wenn man mal nach „einer Kippe“ fragte. Rauchen war ein geselliger Akt. Etwas das man teilte. Fast schon so etwas wie ein frühes Sharing.

Das Rauchen war in meiner Kindheit noch Mode. In meiner Jugend, den 80ern, geriet es bei „gebildeteren“ Menschen in Verruf. Sie hatten die gesundheitsschädigende Wirkung begriffen und vermutlich auch die einhergehende Geldverschwendung. Dem geselligen Ritual, dem „Geschmack“ oder auch der durchaus möglichen, wenn auch seltenen, sinnlichen Optik hingegen konnten die „Nichtraucher“ nur wenig abgewinnen. Vielleicht, so vermutete ich als Raucher damals, waren sie aber auch ein wenig neidisch. Ich für meinen Teil kann unumwunden zugeben, dass ich lange Jahre meines Lebens dazugehören wollte. Ein Zeit lang. In dieser Zeit freute ich mich über Schokoladen Zigaretten und später Kaugummizigaretten. Das war sehr cool unter meinen 6-8 jährigen Freunden. Mit etwa 10 Jahren wurde ich militanter Nichtraucher. Ich hatte Raucherlungen gesehen, von Krebs gehört und wie Tabbakkonzerne sich „indirekt“ die Kinderarbeit auf den Plantagen zu nutze machten um viel Geld zu verdienen. Ich blieb Nichtraucher bis etwa zu meinem 18. Lebensjahr. Kaum dass ich zu den „Rauchern“ gehörte, plapperte ich die saloppen Sprüche meines Großvaters nach und dachte ich hätte irgendetwas begriffen. Ich sah zwar noch immer keinen Sinn darin, doch das erschien mir konsequent. Eben sinnlos konsequent, rebellisch. Heute ist mir bewusst, ich wusste doch so wenig. Im Nachhinein ist es wohl richtig, weder hatte ich eine Ahnung vom Sinn im Leben, noch von meinem Großvater und seinem Ausspruch: »Rauchen an der frischen Luft ist gesund.« Ich hatte das gar nicht begreifen können.

Mit ca 16 Jahren absolvierte ich ein Schulpraktikum auf der Zeche Auguste Viktoria, in Marl, gleich gegenüber der Karlstraße. Letztere erwähne ich nur, weil der Zufall es so möchte, dass ich heute in einer Karlstraße wohne. Dort erfuhr ich von der gefährlichen und harten Arbeit unter Tage, tief unten im Bergwerk. Damals war es weit gefährlicher als Heute. Das Rauchen unter Tage war selbstredend strengstens untersagt. Denn es konnte jederzeit das gefürchtete und vor allem brennbare, Methan Gas unter Tage austreten und zu dem hochexplosiven „Schlagwetter“ führen.
Nicht nur Gase, auch Staub und natürlich ein Mangel an Sauerstoff waren eine permanente Gefahrenquelle unter Tage. So stelle ich mir heute vor, wie die Arbeit wohl gewesen sein musste. Viele Stunden unter Tage, in der dunklen Schwärze, dem Staub und dem Dreck, im Schweiße der harten körperlichen Arbeit. In Relation gesehen zu dieser täglichen Arbeit, war die Zigarette keine ernsthafte Bedrohung mehr. Im Gegenteil. Sobald der Bergmann rauchen durfte, war er logischer Weise nicht mehr unter Tage. Er war an der frischen Luft.

Auf deutschem Boden genießen wir seit Ende des letzten Krieges den Frieden. Das ist eine sehr lange Zeit. Viele haben nicht einmal das Kriegsende erlebt. Ich wuchs im Frieden auf und auch schwere Krankheiten und der Tod blieben mir als Kind lange Zeit erspart. Sozialistisch und Pazifistisch wollte ich sein. Doch das waren nur Worte. Das ich zum Wehrdienst kam, war zu gleichen Teilen Schusseligkeit, Dummheit, Trotz, Bequemlichkeit und ein Wendepunkt in meinem Leben. Jugoslawien steckte zu der Zeit tief in einer schweren Krise und ich wurde Soldat auf Zeit. Als Krisenreaktionskraft bei den Sanitätern wurden wir ausgebildet, verletzte Kameraden aus Konfliktzonen ab zu transportieren. Bei Tag und auch bei Nacht. Dabei ist mir ein Szenario in Erinnerung geblieben, bei dem wir in finsterster Nacht, im faden Schein einer schwächlichen blauen Beleuchtung unseres Krankenkraftwagen, kurz KRKW, warteten. Wir saßen in mitten einer Ansammlung von Sträuchern und Bäumen am Rande eines Waldes und starrten in die Dunkelheit eines weiten, fast endlosen freien Feldes. Dann in weiter Entfernung, die ich unmöglich genau einschätzen konnte, sahen wir das Glimmen einer Zigarette. Kurze Zeit später eine Taschenlampe und auch das Licht einer Fahrzeugbeleuchtung. Die Ausbilder wollten uns Zeigen, wie einfach es für den „Feind“ sein würde, uns zu entdecken, wenn wir in der schwärze der Nacht, ein Licht entfachten. Und sei es noch so klein. Das war in Zeiten, die ich als „Frieden“ genießen konnte.
Für meinen Großvater zur See, auf einem U-Boot, war es damals kein spielerisches Szenario. Für ihn gab es selten Sonnenlicht und noch seltener Zigaretten. Und selbst wenn sie mal an der frischen Luft waren, Rauchen barg immer die Gefahr, sich als Zielscheibe eine Kugel einzufangen.

Die Summe dieser Erfahrung zeigt also, wer sich den Luxus einer Zigarette an der frischen Luft gönnen kann, lebt vielleicht sogar gesünder als es ihm gut tut.

 

Mit nichtrauchenden Grüßen,
yt