Kontrollverlust

11.06.2015 - Eintrag in das Logbuch.

Ich verliere die Kontrolle. Es sind zu viele. Sie sind in der Überzahl. Völlig überraschend und unerwartet gewinnen sie die Schlacht. Widerstand erscheint sinnlos. Woher sie kamen? Unbekannt. Wo sie hingehören? Das weiß niemand mehr. Nicht mal eine blasse Erinnerung ist geblieben. Warum sie hier sind, wird mir auf immer ein Rätsel sein.

Dinge beherrschen meinen Schreibtisch. Ich verliere die Kontrolle.

Grauenvolle Handschrift eines Dilletanten - Feder, Federhalter, Tinte. Retro

 

Wagemutige versuche ich mir einen Überblick zu verschaffen. Es schmerzt mich die Vorstellung an eine ungewisse Zukunft und es schmerzt der Gedanke an die verlorene Zeit. Es wird sein, wie es immer war. Die vergeblichen Mühen, der Erhaltung einer Ordnung bilden eine Mauer aus unangenehmen Gefühlen in mir. Passiv erliege ich der Trägheit eines weiteren, verlorenen, Momentes.

Schubladen warten auf ihren Einsatz. Kartons stehen bereit. Zur Aufbewahrung auserkorene Orte des Systems warten und harren der Dinge die da kommen. Ich, der Befehlshaber und Herrscher über die Dinge, ich schweige. Die erdrückende Last einer nicht enden wollenden und stets wiederkehrenden Routine begräbt meine Hoffnung auf befreites Leben.

Nehmen, Benutzen, Loslassen, Liegenlassen, Aufheben, Verwahren, Suchen, Finden, Hervorholen, Anfassen, Gebrauchen, Verwenden, Ablegen, Vergessen.

Eine Leere explodiert [1],  bei dem Versuch Dinge verschwinden zu lassen. Plötzlich ist er da. Der Raum. Die unendliche Weite. Wo nie ein Mensch zuvor Ordnung hielt.

In ihm dehnen sich Gedanken aus, bewuchern die Zeit, treiben Knospen und erblühen in der Gelegenheit. Bestäubt von Banalitäten, pflanzen sich erkenntnisreiche Samen fort, schlagen Wurzeln im Gedächtnis der Ästhetik, bilden Ableger durch logische Schlussfolgerungen bis sie Früchte neuer Synapsen tragen. Assoziationen verdrängen die Sehnsucht nach Ordnung. Tagträume umrahmen abstruse Bilder und zügelose Fantasien. Der Kontrollverlust wird zur Kunst des Augenblicks. Ich suche einen Stift um den Moment zu zeichnen und ergreife ein Mikrofon, schreie in die Kamera, jongliere leidenschaftlich mit der Ewigkeit der Poesie, verfehle sie, ein Lachen fällt mir auf den Kopf.

Ach, würde ich doch nur können was ich gerne wollte, dürfte ich doch nur tun was mir bestimmt erscheint. Ich würde Worte schreiben die niemand kennt, Sätze bilden über kreuz und verquer, fotografieren ohne Objektiv, musizierte im Luftleeren Raum und tanzte körperlos umher.

Was gäb ich für die Ewigkeit des Moments, eines flüchtigen Gedankens. Um ihn zu halten und zu behüten, dass er meine Haut erneut sachte streichelt, die Schultern hebt, das Kreuz richtet, die Brust erfüllt.

Die Luft aus meinen Lungen entfleucht. Die Schultern sinken. So sitze ich vor meinem Schreibtisch voller Dinge.

 

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Zu [1] - Die künstlerische Leere.

Das war eine künstlerische Leere. Keine künstliche, keine aus Silikon, keine Importware oder eine quasi Leere aus dem Fernsehen, sondern eine Leere die jede Wirklichkeit um dich herum zerstört, und wirklich nur deine Wirklichkeit, wenn sie explodiert.

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