Fernöstliches Kino | OmU empfohlen

Lippensynchron - Deutschland ist verwöhnt

Takeshi Kitanos Dolls - Collector's Edition, Cover and InlayOmU ist kein Filmgenre, sondern bedeutet Original mit Untertitel. In Deutschland sind wir extrem verwöhnt, von geradzu perfektionistischen Synchronisationen. Die jedoch bei asiatischen Filmen regelmäßig,  desatrös und formvollendet in übelstem Trash münden.

Asiatische Filme zu synchronisieren stösst auf mehrere Hindernisse. Zum einen natürlich das geringere Publikum und damit ein eingeschränktes Budget. Doch auch die Synchro selber hat ihre Tücken. Nicht ohne Grund berichteten mir 2 Chinesen von Muskelkater in Zunge und Kiefermuskulatur, bei dem Versuch unsere deutsche Sprach zu erlernen. Unsere Sprache und die Chinesischen, sind nicht nur auf dem Papier sehr verschieden. Chinesen benutzen beim Sprechen idR andere Gesichts-Muskeln. Auch Japanisch, Thai oder Koreanisch hat seine Tücken, ist aber widerum etwas ganz anderes als Mandarin oder Kantonesisch.

So kann es in Asien vorkommen, dass für eine Begrüßung ein halber Roman gebraucht wird, oder aber auch, komplizierte Sachverhalte in zwei Wörtern erklärt scheinen. Hinzu kommen Redewendungen und kulturelle Feinheiten, die in einer schriftlichen Übersetzung erklärbar wären, doch in einer Lippensynchronen Fassung im Sinn häufig entstellt werden. Höflichkeitsformen die einem Kastendenken entspringen oder Rollenbilder die wir hier zum Glück nicht mehr pflegen, können in unserer Sprache oftmals nur ungenügend in wenigen Worten transportiert werden.

Ein weiteres Problem der Synchronisation, die nicht nur das asiatische Kino betrifft, ist die Geräuschkulisse und Musik. Kaum jemandem ist es bewusst, dass für deutsche Synchronisationen sogar Musik nachgespielt wird. In der Regel ist dies dank der digitalen Mehrspurtechnik kaum noch notwendig. Doch nur allzuhäufig kommt es vor, das feine Nuancen, hinweisgebende Geräusche, oder Atmosphärensounds nicht mehr die ursprüngliche Wirkung entfalten. Nicht selten wirken Filme aufgrund der schlechten Synchronisation billig und niveaulos.

Was viele Menschen scheinbar gar nicht stört ist, den gleichen Synchronstimmer in verschiedenen Rollen wieder zu finden. Vor allem in Fernsehserien werden Synchronsprecher durch verschiedenen Serien - durchgereicht. Auch wird es sehr lästig, wenn plötzlich der Synchronsprecher zwischen zwei Staffeln gewechselt wird.

Wer lesen kann ist klar im Vorteil

Untertitel bringen sprachlich und inhaltlich nicht weniger Problemen mit sich. Vor allem aber lenken sie von den oftmals künstlerisch gefilmten Szenen ab. Häufig bleibt der Eindruck, man hätte etwas verpasst. Sprachlich sind Untertitel meistens schmucklos, ohne tiefe oder literarischen Anspruch. Sie müssen unkompliziert sein. Schnell lesbar. Auch hier kann es zu Sinn-Entstellungen kommen. Zudem erfordert es richtiges Training, auf Beides achten zu können. Untertitel sind für viele deutsche Filmliebhaber ein Graus.

Der Ton macht die Musik

Menschen drücken sich in allen Ländern der Erde nicht nur durch das Gesagte aus. Auch wie es gesagt wird, ist entscheidend. Temperament oder auch das genaue Gegenteil, die gefühlslose, tonlose Stimme kann im Film das Schauspiel zu ungeahnten Höhepunkten treiben. Ferne Länder, fremde Menschen - diese Atmosphäre wird nicht gerade aufgewertet in dem ein Synchronsprecher in furchtbar entstelltem Deutsch Chinesisch "Flühlingslolle mit geblatenem Leis" bestellt. Es ist furchtbar und furchtbar falsch, anzunehmen alle Asiaten wären Chinesen, könnten den Buchstaben "r" nicht aussprechen und wären permanent unterwürfig im Tonfall.

Wer sich die Mühe macht, Filme im Original zu hören, wird gleich auf mehrfache Weise für seine Mühe entschädigt. Schon nach kurzer Zeit kann man die verschiedenen Sprachen auseinanderhalten. Thai, Koreanisch, Chinesisch und Japanisch klingen schon nach wenigen Filmen völlig unterschiedlich. Zudem gibt es viele sehr gute Filme in denen nur wenig gesprochen wird, mit denen man sich als OmU Gucker trainieren kann. Etliche Filme sind es ohnehin Wert, ein zweites oder drittes Mal geguckt zu werden.

Angeregt durch einen Artikel auf Tinyentropy.com - der den Film »I'm a Cyborg, but that's o.k." empfahl, möche ich nun ein sehr spezielle Liste mit Filmen empfehlen. Denn Filmempfehlungen sind eigentlich so gar nicht mein Ding. Mein Geschmack ist ein sehr spezieller und stark abseits des Mainstreams. Viele Menschen haben schon allein  Probleme die Gesichter der Asiaten auseinander zu halten, weil sie sich zu sehr auf Kleidung und Haare konzentrieren. Das wird spätestens dann problemtisch, wenn in japanischen Filmen Schul- oder Betriebs-uniformen getragen werden. Fast alle Menschen dort haben schwarze, glatte Haare. Dazu kommt noch die kulturelle Neigung nicht übermäßig auf zu fallen. Der oft erwähnte Hang der Asiaten zum Overacting ist in moderneren Filmen zwar stark rückläufig, doch Humor und auch die religiösen Feinheiten sind für uns Europäer nicht immer verständlich. Trotz des kapitalistischen westlichen Einflusses, Süd-Korea ist Deutschland gar nicht so unähnlich, bleiben es fremde Kulturen. Wie soll man also unserer westlich, durch die USA geprägten Fernseh-Kultur, einen FilmTip aus fernost geben? Und dann auch noch mit Untertiteln?

Der Reiz besteht auch darin, diese Kulturen unverfälscht kennen zu lernen. Mit allen Facetten.
Kinofilme erzählen zwar nicht dokumentarisch die Wahrheit und neigen dazu, zu romantisieren, wie auch im westlichen Kino, doch Klischees, Satire, schwarzer Humor funktionieren idR nur dann, wenn man Menschen peinlich genau beobachtet hat und die Quintessenz ihres Verhaltens wieder gibt.

Filme im Original mit Untertiteln bedürfen mehr Aufmerksamkeit. Die Filme mit halbem Auge zu schauen funktioniert nicht. Man muss sich darauf einstellen und einlassen.
Für mich persönlich, ist es wie ein kleiner Urlaub in ein fernes Land. Ich mag es fremde Sprachen zu hören,  der Betonung und den Eigenarten den notwendigen Raum zu geben, sich zu entfalten. Nur sehr selten, bei Filmen die sehr stark Dialoglastig, modern und viel Text abfeuern schalte ich die Synchronisation beim ersten Mal ein.  Diese Filme würde ich dann mit Fortgeschritten bezeichnen.

»I'm a Cyborg, but thats o.k.« ist meiner Meinung kurz vor dem Fortgeschrittenen Stadium. Der Film ist mit Untertiteln verständlich, weil er jedoch sehr strange ist, andersartig, würde ich diesen Film nicht für Anfänger des OmU Kinos empfehlen.

Die nachfolgende Liste ist unsortiert, in keiner besonderen Reihenfolge. Ich will nicht auf den Inhalt eingehen, auch keine Wertung abgeben, das Internet ist voll davon. Lediglich die mit einem [*] gekennzeichneten Filme sind Empfehlungen die Aufgrund des Artikels von Tinyentropy eine gewisse Ähnlichkeit zu den oben genannten Film aufweisen. Ich habe dabei geschrieben, wie ich von den Filmen erfahren habe, wenn dort "keine Quelle" steht, dann habe ich auf "Verdacht" gekauft. Filme ab 18 oder ohne Altersfreigabe kann ich hier leider nicht empfehlen.

Sicherlich ist für jeden etwas dabei, die Filme haben im Prinzip nur eine Sache tatsächlich gemeinsam - sie sind (mehr oder weniger) fern ab von Hollywood entstanden. (... und es gibt sie auf DVD zu kaufen)

OmU Empfehlungen  (bis max FSK 16)

  • »Survive Style« - Japanisch - In einander verwobenen Kurzgeschichten, modern, schwarzer Humor, brutal - Fantasy Filmfest - OmU Fortgeschrittene [*]
  • »Frühling, Sommer, Herbst, Winter ... und Frühling« - Koreanisch - Ruhiger Liebesfilm, Lebensweisheiten, Tragödie - Programkino - OmU Medium
  • »Leben!« - Chinesisch - Biographisch, ruhig, Kulturhistorisch, Drama - Programkino - OmU Anfänger
  • »Confession of Pain« - Koreanisch - Krimi, Action, Thriller - Fantasy Filmfest - OmU Medium
  • »Windstruck« - Koreanisch - Komödie, Jugendkomödie, Liebesfilm, Lustig - Asia Mainstream - OmU Anfänger (aufgrund der simplen Handlung)
  • »PLOY« - Thai - Thriller, Beziehungsdrama, modern - ProgramKino - OmU Anfänger
  • »Kikujiros Sommer« - Japanisch - schwarzer Humor, skuril - ProgramKino - OmU Anfänger
  • »X-Cross« - Japanisch - Trash, Horror, Splatter, schwarzer Humor - keine Quelle -  OmU Anfänger (aufgrund der simplen Handlung)
  • »Mother« - Koreanisch - Thriller, Psychothriller, Brutal, Bildgewaltig und trotz der Komplexen Handlung Anfänger geeignet - Cannes und International Film Fest Award Winner -  OmU Anfänger
  • »Yentown - Swallotail Butterfly« - Japanisch - Skuril, Modern, Abgefahren, Originell, Genial - ProgramKino - OmU Medium [*]
  • »Nobody Knows« - Japanisch - besondere Leistung mit Kindern als Schauspieler, ungewöhnlich - Cannes - OmU Anfänger
  • »Dolls« - Japanisch - Bildgewaltig, ohne viele Worte, künstlerisch, traum und alptraumhaft, Märchen, Liebesfilm, es passiert nichts¹ - ProgramKino - OmU Anfänger
  • »Cyborg She« - Japanisch - Fantasy, Action, Liebesfilm - ProgramKino - OmU Medium
  • »5 Centimeters per Second« - Japanisch - erwachsenen Anime, Bildgewaltig, Farbästhetik und mit überwältigenden Bildtiefe - keine Quelle - OmU Anfänger
  • »Perfect Blue« -Japanisch - erwachsenen Anime, Psychothriller mit erschreckender Aktualität von 1997 - Genre Fans - OmU Medium
  • »Last Life in the Universe« - Thai / Japanisch - mordern, schwarzer Humor, philosophisch - keine Quelle - OmU Anfänger [*]
  • »The Host« - Koreanisch - modern, Horror/Action - keine Quelle - OmU Fortgeschrittene
  • »Saikano« - Japanisch - modern, fantasivolle Liebesgeschichte, Fantasy/SciFi - keine Quelle - OmU Fortgeschrittene
  • »Der Duft der grünen Papaya« - Vietnamesisch - Kulturhistorisch, Biographisch, Traditionell, ruhig, es passiert nichts¹ - Programkino - OmU Anfänger
  • »Die Höhle des gelben Hundes« - Monogolisch - Kultur, Biographisch, ruhig, es passiert nichts¹ - Programkino - OmU Anfänger
  • »Not one Less« - Chinesisch (Mandarin) - Kultur, Biographisch, Alltagsgeschichte, Landvolk, rührende Geschichte - Programkino - OmU Anfänger

Jeder dieser Filme hat mir aus sehr individuellen Gründen sehr gut gefallen. Bei drei Filmen schrieb ich "es passiert nichts", das mag ungewöhnlich erscheinen.  Es gibt noch mehr Filme dieser Art die ich mir immer mal wieder gerne anschaue, in denen "nichts passiert". Die eigentliche Handlung ist dann in der Regel sehr banal und der eigentliche Reiz besteht dann darin, den Schauspielern zu zu sehen. Authentizität zu erleben, feine zwischenmenschliche Gesten und Mimiken zu beobachten. So zum Beispiel »Die Höhle des gelben Hundes«. Der Film beschränkt sich darauf, das Leben einer Mongolischen Nomaden Familie möglichst unverfälscht zu zeigen. Eine kleine Rahmenhandlung erzeugt dabei zwar einen Spannungsbogen, doch wäre dieser im Vergleich zu Actionfilmen wie »The Host«, dünner als ein Haar. (Diese beiden Filme zu vergleichen ist natürlich unsinnig.)
»Dolls« hingegen ist eine Mischung. Eine irre Geschichte, unheimlich tiefgehende, fast schon brutale Liebesgeschichte, Ästhetik und Bildsprache sind phänomenal. Doch in weiten Teilen des Filmes, passiert genau gar nichts. Diesen Film würde ich persönlich niemandem empfehlen der keine Leinwand besitzt. Die Lichtstimmung ist durch Fernseher, Flachbildschirme (mit Ausnahme weniger Geräte) nicht übertragbar und gehört meiner Meinung mit zu dem Film. Es ist ganz eindeutig - ein Kinofilm. Dieser Film benötigt vor allem auch Zeit. Zeit zum erleben, ansehen und darüber reden.

Es ist also ein kleiner Warnhinweis, - ausser mir und meiner Frau kenne ich bislang keine weitere Person die Filme dieser Art mochte. Ich freue mich natürlich über Kommentare, oder auch weitere "besondere" Film-Tips - abseits des Mainstreams.

Mit speziellen Grüßen,
yt

 

 

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