Konversation Heute | Die hohe Schule der verbalen Kommunikation

Es gibt Menschen, deren Mundhöhle ist ein riesiges Dorf unter freiem Himmel mit Kirchturm. Es gibt heiße Quellen und der Wind weht mit einer steifen Brise. Spitze Zunge, es zieht im Oberstübchen und sie haben mindestens einen an der Glocke. Reden nur mit Komma, ein Punkt ist ihnen fremd. Sie hören gerne zu, am liebsten sich selbst. Die Anzahl der gesagten Wörter steht reziprok zum Inhalt und alles wiederholt sich in einem fraktalen Muster von Belanglosigkeit. Selbstreflexion gibt es ausschließlich zu kosmetischen Zwecken, am Morgen vor dem Spiegel und am Abend wenn die Lichter ausgehen. Wobei bezweifelt werden darf, dass es zwischen durch jemals helle geworden wäre.

Nach langer Beobachtung dieser speziellen Gattung war es nun möglich, einen Fremdenführer zu erstellen, um sich dieser sehr speziellen Kultur an zu passen. Wer sich an die 10 goldenen Regeln hält, wird garantiert nicht auffallen in der Konversations-Sauna.

  • Fange jeden Satz mit "Ich hab ... " an.
  • Wenn "Ich hab ... " unmöglich erscheint, weiche aus auf: "Meine / Meiner ... "
  • Stelle keine Fragen
  • Wiederhole möglichst nur was andere gesagt haben
  • Ziehe keine unnötigen Schlussfolgerungen, erwähne einfach jedes unnötige Detail
  • Vergiss niemals zu erzählen was du gefrühstückt hast
  • Zu jedem ordentlichen Gespräch gehört mindestens ein Beispiel wie dumm andere Menschen sind
  • Bei längeren Gesprächen erwähne mindestens drei der letzten Anschaffungen oder einen Urlaub
  • Vermeide logisch nachvollziehbare Themenkomplexe. Physik, Mathematik, Ethik, Mechanik, Elektrotechnik und die Weltformel sind Tabu
  • Lass dich nicht durch andere irritieren, vermeide selbst zuhören zu müssen durch hartnäckiges weiter reden

Exzellente Themen sind, was du im Fernsehen gesehen hast. Je mehr Fernsehen du siehst, desto mehr hast du zu erzählen. Bei Telefonaten kannst du auch simultan erzählen was du gerade im Fernsehen siehst. Führt dies zu Irritationen im Gespräch, ist es ratsam aus dem Fenster zu schauen und das Wetter kommentieren. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner und man wird dir weiter gnädig zu hören. Ist Besuch im Haus, schalte den Fernseher nicht ab um peinliche Stille zu vermeiden. Ist kein Fernseher im Raum sollte ein Radio die neusten und ältesten Hits ankündigen.

Biete deinen Gästen Kaffee und Knabberzeugs an. Sobald sie trinken oder Essen, müssen sie zwangsläufig aufhören zu reden und du kannst durchstarten.

Bei Anzeichen einer gewissen Akzeptanz kannst du auf den unerschöpflichen Quell des Themas: "Was ich gestern erzählte" zurückgreifen. Es genügt wörtlich und möglichst detailgetreu wieder zu geben was du anderen erzählt hast oder erzählen wolltest. Um nicht ausschließlich von dir zu reden, kannst du auch die Antworten anderer Menschen, auf das von dir gesagte, wieder geben.

Beispiele:

»Ich hab gestern mit meiner Mutter telefoniert und da hat sie gesag [...] , [...]
darauf hin hab ich zu ihr gesagt [...] , [...]
und dann sagt sie [...] , [...]  und ich hab gesagt [...] , [...] , ... «

Diese Satzkonstruktion ist schwer zu unterbrechen und kann im günstigsten Falle direkt als Überleitung dienen für:

»Meine Mutter und ich sind dann ins Kino gefahren und auf dem Weg dorthin hab ich ihr erzählt [...] , [...] und dann hat sie gesagt [...] , [...] , ... «

Der Facettenreichtum ihrer Erzählungen und die enthaltene Dramaturgie, lassen sich variabel an das Wetter anpassen. Nach etwa 30 Minuten solltest du weitere Personen in die Geschichte einführen und dabei deine Aufmerksamkeit und scharfe Beobachtungsgabe unter Beweis stellen.

»Ich hab eine Frau gesehen in der Schlange, an der Kasse, im Kino, vor mir, die [...] , [...] , ... «

Solltest du nicht sicher sein, halte dich im Ungefähren, unterstelle gemeinsames Wissen mit möglichst konkreten Nichtigkeiten:

»Ich hab da einen Film gesehen den kennst du sicher auch, mit diesem Schauspieler den du auch so toll findest, der jemandem ähnlich sieht den ich kenne [...] , [...] , ...«

Vertrauen ist gut, weitersagen ist besser

Sollte ein Gesprächsteilnehmer ungläubig schauen oder für den Fall dass du einer Geschichte von dir selbst mehr Glaubwürdigkeit verleihen möchtest, schiebe ein unbeteiligte Person vor. Idealerweise ist dies ein entfernter Verwandter. Lerne dazu die geläufigsten Floskeln. Werden diese Souverän in Erzählungen eingeflochten, wird der Eindruck entstehen du hättest einen weitläufigen Freundeskreis und seist sozial integriert in Familie und Verwandte.  Merke dir, interessante Menschen haben viele Freunde. Achte jedoch darauf, dass der "Zeuge" der richtigen Generation und dem korrekten Berufsstand angehört.

  • »Der Cousin meiner besten Freundin, ein Jurastudent, hat selbst gesehen [...] , [...] , ... .«
  • »Der Schwager meines Onkels ist Arzt und der hat tatsächlich gesagt [...] , [...] , ...«
  • »Die Nichte vom Vater meines besten Freundes hat von ihrem Chef, in der Firma [...] selbst erfahren [...] , [...] , ...«
  • »Die Stiefschwester eines befreundeten Polizisten war dabei als [...] , [...] , ...«
  • »Der Exfreund meiner ehemaligen besten Freundin hat damals [...] , [...] , ...«
  • »In unserer Firma hat der Chef vom Sohn eines Angestellten [...] , [...] , ...«
  • »Einer bei uns im Verein ist mit der Schwester des Fernsehstars befreundet und hat [...] , [...] , ...«

Achte bitte darauf wann dein Zuhörer ermüdet und beginne langsam und höflich die Konversation zu beenden mit:

»Ich hab mich riesig gefreut mal wieder von dir zu hören, ich ruf dich Nachher noch mal an um dir zu erzählen [...] , [...] , ...«

Damit kannst du noch einmal Aufmerksamkeit erzeugen und den Gesprächsteilnehmer jetzt schon im Groben darauf vorbereiten was du ihm später sagen wirst. So ist zudem sichergestellt dass du bei dem späteren Gespräch auch sicher etwas zu erzählen hast.

10 Dinge die man nicht sagen, und schon gar nicht fragen, sollte!
  • Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.
  • Hier ist nichts los.
  • Ich hör dir gerne zu.
  • Lass uns ein anderes mal darüber reden.
  • Warum hast du angerufen?
  • Gibt es bei dir etwas neues?
  • Wie geht es deiner Familie?
  • Bist du gesund?
  • Hast du [...] gesehen/gehört/gelesen ?
  • Was hältst du von [...] ?

Hier noch einmal Die 10 wichtigsten Themen:

  • Du
  • Was du gesagt hast
  • Was andere gesagt haben
  • Was du im Chat oder per SMS anderen mitgeteilt hast
  • Was du im Fernsehen gesehen hast
  • Was du gestern gesagt hast
  • Deine Klamotten
  • Wer dich in den letzten 5 Tagen angerufen hat.
  • Wen du in den letzten 5 Tagen angerufen hast.
  • Dein Meerschweinchen.


Ein kleiner Geheimtipp, lache viel. Wer Freude ausstrahlt und positiv wirkt, dem nimmt man nichts übel. Lieber einmal zu viel gelacht, als eine Pointe verpasst!
 

Im nächsten Ratgeber Konversation Heute - »Die unendlichen Variationen der Zustimmung«, wie man andere reden lässt ohne ihnen zuhören zu müssen.

Mit eloquenten Grüßen,
yt

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