Zu Gast | Kurzgeschichte

"Zu Gast."
yt 09.03.2009, Fiktive Nachdenk-Geschichte (Dank an Rheinsberg & Lupus)

Seit Jahren gehe ich in der Meile einkaufen und bin jedes mal aufs neue überrascht wie ein Fußmarsch entlang der Schaufenster künstlich in die Länge gezogen werden kann. Das bunte Treiben in den Geschäften und das Feilschen an den Marktständen ist für mich ein Genuß. Heute jedoch staunte ich, als mir ein Restaurant auffiel, das meinen Blicken bisher entgangen sein musste.
Blitzblanker Fußboden und eine Bedienung die zu sagen schien: „Hier werden Sie nicht nur bedient, hier wird Ihnen etwas geboten für ihr Geld.“.

Restaurant USA ca. 1950

Wie war es nur möglich dass dieser Laden sich bisher vor mir versteckt hatte. Mit gespannter Vorfreude betrat ich das unbekannte Terrain und fand einen herrlichen Platz mit Ausblick auf das bunte Leben der Straße. Die Karte versprach das Übliche aber auch mit netten Ideen gewürzt.

"Entschuldigen Sie, wir können Sie nicht bedienen", vernahm ich eine Stimme, während ich die Aufzählung der kulinarischen Gefälligkeiten las.
"Oh, keine Sorge. Ich bin gar nicht so anspruchsvoll wie ich aussehe, das ist nur der Winterspeck.", erwiderte ich und ließ die Karte für einen Blickkontakt herab.
"Tut mir Leid, aber wir können sie nicht bedienen.", probierte es die Angestellte erneut.
"Sie sehen recht intelligent aus, aber Sie wiederholen sich wenn auch charmant, als wollten Sie mir mitteilen das ich schwerhörig, blöd oder beides sei.", gab ich mit einem freundlichen Lächeln zurück und fügte hinzu: "Bin ich in Ihre Mittagspause geplatzt, haben Sie geschlossen oder ist das kein Mittagsmenü das hier angepriesen wird?"

Ich hatte anscheinend unmerklich meine Stimme erhoben worauf hin Verstärkung herbei eilte. Es wurde unruhig in dem Raum. Mein Tisch wurde halbseitig umringt von einer Riege weiterer Bedienstete, die sich höflich, aber auch bestimmt, alle Mühe gaben mir mit zu teilen, dass irgendetwas ein Geschäft mit mir unmöglich machte.

"Ja, ich habe ja verstanden!", rief ich und schlug dabei mit der flachen Hand auf den Tisch, um mir in diesem Gewirr von Höflichkeiten Gehör zu verschaffen. "Dürfte ich nun endlich den Grund für meine Fehlbarkeit erfahren?"
Ein halbes Dutzend Augenpaare rollten, andere starrten auf den Fußboden als müsste sich dort gleich eine Falltür unter mir öffnen, um das Problem endlich zu beseitigen. Dann Rang sich jemand durch, trat noch einmal näher an mich heran als ich es je für möglich gehalten hätte und offenbarte: "Sie sind hier verkehrt. Wir können Sie nicht bedienen, Sie müssen wieder gehen."
"Ich bin durch die Tür gegangen wie ein Mensch, habe mich hingesetzt und habe Hunger wie ein Mensch. Wenn Sie mir etwas zu Essen geben werde ich wie ein Mensch essen, wie jeder anständige Mensch danach bezahlen und dann werde ich gewiss auch wieder gehen."

Wie ein Meeresungeheuer schauten sie mich an. Da standen sie in ihren Schürzen, Kitteln und Westen. Die Mütze des Kochs war frisch gestärkt und tadellos.
Ich war der einzige Gast in diesem Lokal.
Es war nicht ärmlich, es war einfach. Schlicht und schön, in der Juke Box spielte leise ein Jazz. An den Wänden hingen Bilder von Boxern und gestandenen Männern mit Zigarre. In den Regalen saubere Gläser und die Petroleum Lampen gaben ein warmes Licht. Es duftete nach gerösteten Kartoffeln. Im Hinterzimmer paffte unverkennbar jemand Pfeife. Es war als wäre ich daheim, zu Gast bei einer bekannten Familie.
"Wir bedienen keinen Weißen."

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