An der Kasse | Von Bratpfannen und Festplatten

 

An der Kasse

Von Brat-Pfannen und Festplatten, nach einer wahren Begebenheit.

Korrigierte Fassung & alltime Favorite, 24.04.09

Nach dem unser 4,99 € Kartoffelstampfer den Püree mit Rostflecken marmorierte, entschloss ich mich die weite Reise in das nächste Erlebnis-Einkaufszenter, in diesem Fall Dodenhof bei Posthausen, anzutreten. Dazu sei gesagt das meine Frau den Mercedes fährt und ich das mobile Einsatzkommando "fahrtüchtiges Autoradio mit STIL Gangschaltung". Der SEAT Marbella entkam der Abwrackprämie auch nach 16 Jahren und ich durfte als einer der vielen Nutzer auf unserem Hof selbst Zeuge werden, wie der Kilometerzähler von 99999 auf 00000 rundete. Es ist ein Raucher Auto. Eines für Gartenabfälle. Eines mit dem man ohne Reue 12 Bierkästen transportieren könnte, wenn der Auspuff dann nicht auf dem Boden schleifen würde. Dieses Auto würde sogar noch Monate lang ohne Öl fahren, sofern man nur tüchtig Nachtankt und Gas gibt. Dabei verbraucht er gerade mal 2 Liter auf 45km.

Kartoffelstampfer
Dies ist kein Orginal SEAT Zubehör.

In besagter Rührschüssel, eimerte ich durch die Ortschaften bis hin zu dem Konsumbunker aus Stahl und Glas der sich selbst mit "Die Einkaufsstadt die alles hat" bewirbt. Natürlich wissen technikaffine Menschen, dass dies ein verlogene Wortspielerei ist, die immer dann auffällt wenn man etwas abseits des Mainstreams sucht.


Man muss schon verzweifelt sein wenn man soweit fährt, nur um an der Einkaufszenter eigenen Tankstelle den Sprit 4 Cent je Liter günstiger als an anderen Tankstellen zu bekommen, dafür aber bei den Waren einen heftigen "Wo Sie schon mal hier sind" Aufschlag sprichwörtlich in Kauf nimmt.

Einen Kartoffelstampfer wollte ich haben, deswegen ging ich los und betrat das Sport und Technik Haus. Das ist einfach so. Wenn sie dringend neue Schuhe braucht muss man ja auch zuerst in die Gartenabteilung. Einkaufslogik verheirateter Paare.

Mit einem Blick durch die Regalreihen der Sportabteilung füllte eine Jogginghose den primären Warenkorb meiner Gedankenwelt. Ich jogge nicht. Ich bin total unsportlich. Ich finde Jogger irgendwie auch ein wenig doof. Auf einer Linie mit Nordikwalker und Golfer. Doch es gibt Jogginghosen, mit denen kann man herrlich auf der Couch liegen. Vielleicht verstehen Sie das. Es ist auch nicht wirklich kompliziert zu verstehen.

Komplizierter jedoch ist es solch bequeme Jogginghosen in einem zwei Hektar großen Sporthaus zu finden. Da gibt es Regalreihen von Adidas, Riesen Pyramiden mit Nike umrahmt von diesen Drehständern, die sich seit einiger Zeit auch nicht mehr drehen lassen. Weiss der Henker welcher Idiot diese Dinger erfunden hat. Die Größe die man selbst braucht ist erstens nicht ausgeschildert und deswegen, zweitens auch nicht vorhanden. Kurz gesagt, die gesamte Verkaufsfläche ist in Marken unterteilt. Jede Marke hat dabei ihre ganz individuelle Gestaltung der Ständer, Tische und Regale. Sogar die Beleuchtung und Deko werden variiert um der Marke einen Touch von Individualismus zu geben.

Nachdem ich diesen Sachverhalt begriffen hatte, war ich auch schon an der Rolltreppe, hinab zur Technikabteilung angekommen und betrat diese. Es gab keine Markenartikler die bequeme Jogginghosen für Couch-Potatos beworben, so war für mich nur logisch das ich in der Sportabteilung auch nichts finden würde. Ohnehin wäre es meiner Meinung wesentlich sinnvoller alle Jogginghosen im direkten Vergleich nebeneinander an einen dieser Drehdingsständer zu hängen. Doch es wäre ein Couch-Potatos Warenhaus und keine Sportabteilung, wenn man nicht für eine dusselige Jogginghose die zwei Hektar komplett ablaufen müsste.

Geschmeidig schob die Rolltreppe mich nach unten. Was ich wollte wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das ist aber für einen Schnellentscheider, wie mich, kein echtes Hindernis. Freundlich empfing mich eine Präsentation des BOSE Heimkino Centers, das ich schon besitze, so dass ich mich auch gleich heimisch fühlte. Die Wege des Herrn führten dann an so nutzbringenden Gegenständen wie mp3 Player, Digitale Video Camcorder, Festplatten, Laptops, ... halt stopp zurück. Festplatte. Ja da war doch was. Zielsicher wird die Hausmarke raus gegriffen. Die Festplatte daheim hat schon erste Schreib/Lesefehler und ich Zeit genug die Ursache zu bekämpfen. Doch das Limit war nicht ganz ausgeschöpft und im Kopf wurde kurz Soll und Haben überschlagen, Resultat: "Vierzig Kartoffelstampfer braucht kein Mensch, einer langt." So setzte sich der Gang fort in die DVD Abteilung. Wenn schon keine neue Jogginghose in Aussicht war, muss wenigstens das Entertainment stimmig sein.

Sie merken schon, ich erzähle Ihnen hier irgendeinen Alltagsstuss, den Ihr Ehemann Ihnen auch erzählen könnte. Da Sie jedoch typischer Weise Ihrem Ehemann alles aus der Nase ziehen müssen ist es flüssiger Sie lesen einfach weiter.

Es gibt keine lustigen Filme mehr. Irgendwann hat man über alles schon mal gelacht, aber das was ich dort angeboten bekomme sieht irgendwie nicht lustig aus. Abschreckend vor allem der völlig überdimensionierte Altershinweis. Ich wandte mein Blick ab von der "ADULT" Regalreihe und sah TV Serien. Das wurde noch weniger lustig. Wie in einer kleinen Zeitreise verfolgte ich das Regal bis hin zu den aktuellen Toptiteln, bei dem mir im Angesicht der Preise das Lachen auch endgültig verging. Fünf Kartoffelstampfer für eine DVD?
Ab zum Wühltisch.

Mit einem weiteren Couch-Potato teile ich mir ganz sportlich den Wühltisch und schnippe lässig die DVDs durch wobei mir der Gedanke kam, dass ich den mir ohnehin schon bekannten Titeln oft mehr Aufmerksamkeit schenke als den unbekannten Filmen. Willentlich dagegen ankämpfend versuche ich Interesse zu gewinnen für B Movies. Lohn dieser Mühe blieb dann ein Titel dessen Filmmusik am Vortag meine Frau und mich begeisterte.

Wuji - Die Reiter der Winde. So lautet der Titel. Auf Deutsch. Im Englischen hat sich jemand den Titel "The Promise" ausgedacht und nach einer ausgiebigen Studie der Inhaltsbeschreibung des Films konnte ich weder etwas von Wind noch von Reitern entdecken, aber von einem Mädchen Namens Qingcheng, die mit einem Fluch belegt wurde. Da fand ich den Titel "Der Baader Meinhoff Komplex" doch deutlich aussagekräftiger. Ein weiterer Kartoffelstampfer landet in meinem Warenkorb. Ich schritt befriedigt zur Kasse.

Die Dame an der Kasse nahm freundlich beide Teile, Sie erinnern sich - Festplatte und DVD Wuji, entgegen. Wie gewöhnlich rubbelte sie die DVD auf der Magnetplatte, dann bemühte sie sich die Festplatte aus dem Diebstahlschutz Plastik Kasten zu befreien. Die Blisterverpackung der Festplatte steckte in ihr fest. Mutig klopft sie die Ware auf ihren Tresen und verfolgt diesen rohen Gewaltakt mit entschlossener Vehemenz.
"STOOOOP, was tun Sie da!"
"Das kommt nicht da raus."
"Das ist eine Festplatte!", entfuhr es mir, obwohl ich mir schon sicher war, dass sie wusste was sie dort in der Hand hielt.
"Ja, die Festplatte kommt aber da nicht heraus.", grüßte mich das Murmeltier erneut und hämmerte fröhlich auf dem Tresen mit einem Stück Hardware für umgerechnet 15 Kartoffelstampfer, die sie nun auch wie eben jene einsetzte.
"Aber die ist erschütterungsempfindlich!", konterte ich mit blankem Entsetzen, wobei ich ein Gesicht gezogen haben muss, als wäre gerade jemand mit einem Aufsitzrasemäher über meine Couch gefahren um die Kartoffeln zu ernten.
"Ich hab' sie ja nur hier auf die Kante geschlagen.", wobei sie die Prozedur noch einmal kräftig, eindeutig und unmissverständlich wiederholte. Anscheinend nur um zu beweisen, dass das, was dort unter Klarsicht-Kunstoff und Blister zu sehen war, sich weder in Farbe noch Form veränderte.
Fassungslosigkeit.
Seit meinem Einstieg in die Faszination der Computerwelt, das war 1991, hab ich einiges erlebt, aber diese Kassiererin ist nun spontan auf Platz 2 der Technik DAUs gechartet. Hätt ich doch bloß zuvor einen Camcorder erworben. Die Story wäre bei YouTube der Renner. Platz eins hält hartnäckig ein Junge mit Margarine und einem Brotmesser der seine Floppydisk fetten wollte damit sie leiser läuft.
"Ich will die Festplatte nicht mehr, ich hol mir eine andere."
"Ja, bitte. Wenn sie wollen, können sie sich eine andere aus dem Regal nehmen.", erwiderte sie pikiert während ich, wie paralysiert und ferngesteuert, mich auf den Weg machte, durch die größte Technikabteilung des Nordens.

Mit der frischen Festplatte in der Hand schritt ich erneut zur Kasse, wobei ich versuchte mir nicht vorzustellen wie sie die Festplatten in diese Sicherheitscontainer rein bekommen haben. Meine gewaltbereite Kassiererin beschäftigte sich mit einem anderen Kunden, der soeben stolzer Besitzer von 2,5 qm Fernsehen geworden war.
"Na, der wird Bauklötze staunen", dachte ich im Bezug auf 720 mal 576 Bildpunkte, die das deutsche Fernsehen in der Regel noch Heute gewohnheitsmäßig ausstrahlt.
Eine weitere Kassiererin lud mich zu ihr, an die Kasse. Ein leichter Anflug von Enttäuschung überkam mich, wo ich doch so gern, mit Leidenschaft und Herzensgüte, ihrer Kollegin das Thema Festplatte noch mal kontrovers näher gebracht hätte. Aber so ergab sich eine neue Chance.
Ich glänzte mit Fachwissen und zeigte ihr, dass am anderen Ende des patentierten Diebstahl Sicherungscontainers 2 Daumengröße Löcher sind, um hartnäckige Ware heraus drücken zu können.
Bleibt zu wünschen, dass sie ihr neu erworbenes Fachwissen weiter gibt, wenn sie in der Pause von ihrer Kollegin zu hören bekommt was für ein depperter Kunde heute wegen einer Festplatte den Zwergenaufstand probte.

Die andere Rolltreppe brachte mich wieder in die Sportabteilung. Die ich ohne weiteren Gedanken an Jogginghosen auch sofort wieder verließ. Und um diese Geschichte voller Banalitäten nicht unnötig in die Länge zu ziehen, kann ich Ihnen sagen, dass ich mir noch eine Bratpfanne zu meinem Kartoffelstampfer andrehen ließ. Damit war das selbst gesetzte Limit zwar um zwei oder drei Kartoffelstampfer überzogen und gerne hätte ich noch ausführlich über wunderliche Automaten berichtet, mit denen man den Service des Warenhauses per Knopfdruck bewerten durfte, doch das würde nun deutlich den Rahmen einer Kurzgeschichte sprengen. Die Bratpfanne ist mit einem "wie Stein" Antihaft Überzug beschichtet der bis 400 Grad erhitzbar ist. Ich will auch nicht verschweigen das ich jedes Mal mit "Gut" bewertete, ausser am Zigaretten und Zeitschriftentresen. Dort stimmte ich mit "Sehr Gut" ab. Die haben dort so wenig zu tun, wäre schade um den Arbeitsplatz.

Mit pürierten Grüßen,
yours - truly

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