Blogger | Käse im Kühlschrank

»Wen interessiert es denn, wo irgendwer einkaufen war oder welchen Käse er wie lange im Kühlschrank liegen hat. Das ist aber auch ein selten dämliches Volk.«

Scheiße,... erwischt. Ich konnte unmöglich im kleinen Familienkreis zugeben, dass ich selbst zu diesem Volk der Vollidioten gehörte, die eine Homepage betrieben. Aber Moment, ich schreibe ja kaum aus meinem Leben. Und auch nicht regelmäßig. War ich vielleicht eine Ausnahme? Konnte ich mich gefahrlos als Blogger outen?


Senf ist das Mittel der Wahl, um langweilige Würstchen interessant zu gestalten.

»Da ist doch was grundlegend verkehrt gelaufen in der Kindheit, wenn ich da ständig vor dem PC sitze und wildfremde Menschen zutexte, mit irgendwelchen Scheiß den kein Sau interessiert.«

Ich war kurz davor Partei zu ergreifen, aber welche?
Mal abgesehen davon das man RealLife Trolle ebenso wenig füttern sollte wie die virtuellen Nachkommen, hielt ich mein Leben für doch einigermaßen Unterhaltsam. Ich habe ein Hobby, kann mich kreative entfalten und bekommen sogar ab und an Feedback. Einige der Wildfremden lernte ich bereits kennen. Diese Wilden waren nett. Neugierig. Teilweise introvertiert. Manche vielleicht auch ein wenig seltsam. Suspekt. Doch auch liebe Menschen.

Ich schwieg.

Statt dessen nahm ich mir vor, mal ein paar Anekdoten aus meinem Leben zu erzählen, nur um den Herrn lügen zu strafen. Denn ich bin mir sicher, keine ausgedachte Geschichte ist so spannend wie das Leben sie schreibt.
(Anmerkung: Dramaturgische Kunstgriffe dienen ausschließlich der Unterhaltung und verfälschen die Geschichten nur unwesentlich.)

yours truly - Käse im Kühlschrank

(Nacherzählung einer wahren Begebenheit.)

Meine erste eigene Behausung und damit der erste Schritt ein mündiger Bürger zu werden liegt schon eine Weile zurück. Die theoretische Wohnung, die ich in "D." bezogen hatte, kostete damals ca. 360DM Kalt-Miete.
Ein kräftiger Freund namens Cubitus half mir später beim Auszug und auch meinen schweren Teppich im Garten des Nachbarn (und Vermieter) zu entsorgen. Dezent hinter den Rosen, etwas abseits des Swimmingpools.

Es war eine Einraumwohnung, mit kombiniertem "KloBadWcAbstellkammer", ohne Duschamaturen, keine Küche, frischer Estrich, keine Fußleisten, kein Telefonanschluss, Heizung mit Luft statt Wasser in den Rohren der Radiatoren. Steckdosen und Schalter waren teilweise vorhanden.

Der Mietvertrag bestand aus einem etwa 20 Seitigem Pamphlet, mit der Überschrift Büroräume, welches ich nach flüchtigem Lesen in der Mülltonne eines benachbarten Schrottplatzes entsorgte. Mit meiner Unterschrift hätte ich die Zustimmung der Renovierung aller 8 Büroräume des Hauses anteilig zu meinen Lasten zugestimmt.

Meine Nachbarin war eine hilfsbereite Spanierin. Ich hatte einmal flüchtigen Kontakt zu ihr. Es dauerte ca 90 Minuten bis wir uns darauf verständigen konnten dass ich nur 100Gramm Zucker für Kaffee brauchte, weil ich vor dem Wochenende nicht einkaufen war. Die blauen Flecke in ihrem Gesicht waren sicher kein Unfall, es gab keinen Keller und wir wohnten beide Parterre.

Über mir hauste ein nicht minder verwahrlostes Subjekt wie ich selbst. Es kam auf so glorreiche Ideen wie zB. die Mofa in der Wohnung umspritzen. Nach Neujahr wagte er das Experiment Guarana im Mischungsverhältnis 1:1 mit einem Pott Kaffee herunter zu spülen. Er schlief am Folgetag neben der noch laufenden Kreissäge seine Ausbilders im Stehen ein. Man schickte ihn mit einem Taxi zurück, wir Nachbarn hoben ihn in sein Bett.

Der Hausmeister hatte sich den Dachboden zu einer immobilen Puffkutsche mit Satellitenempfang ausgebaut. Er war ausgebildeter Kampfschwimmer, Klempner, Elektriker, Busfahrer, Spion aus Kuba oder Million Dollar Man, je nach dem was er am Vortag im Fernsehen gesehen hatte.

Es gab angeblich 2 weitere Mieter. Wenn Sie jemals Miete gezahlt haben sollten, dann nur aus dem Grund um sich frei zu kaufen aus diesem Rattenloch.

Aus meiner Wohnung heraus hatte ich einen herrlichen Ausblick auf die Sonderangebote einer Getränke-Großhandelskette. Der dazugehörige Parkplatz vor unserem Haus hätte nicht weiter gestört, es war nur so, Gardinen konnte ich mir nicht leisten. Allerdings hatte ich eine Sammlung an Film-Plakaten aus einer aufgelösten Videothek. Provisorisch befestigte ich diese in den Fenster der Erdgeschoss-Wohnung.

Es dauerte nur wenige Tage, bis zum folgenden Wochenende, da klingelte es Samstag Morgens um kurz vor neun Sturm. »Das ist doch eine Videothek hier, oder was?«

Es war ein Drecksloch.
Den ersten Tag meines Einzugs versuchte ich mit einer Kerze, Kneifzange, Lüsterklemme und Schraubendreher, meinen E-Herd an den Strom an zu schließen. 5 Tage heizte ich mit dem Umluftofen die Wohnung, bis der Hausmeister meine Heizung in Gang brachte.

Ich bestellte 2 Telefonanschlüsse von der Telekom. Eine Leitung nutzte ich 24/7 für das 19.9k Modem, um die Verbindung mit der realen Welt nicht zu verlieren. Hier lernte ich zum erstem mal einen Zivilfahnder kennen, der "online" nach "Kinderpornographie" in Mailboxen suchte. Doch das ist eine andere Geschichte und eine langweilige dazu. Wie Blogger halt sind, ... schreiben Seitenweise über Käse im Kühlschrank und anderes belangloses Zeugs. Und plötzlich ist die Geschichte zu Ende weil sie dringend auf Klo müssen.

Mit belanglosen Grüßen,
yt

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